1933-1945: Zeitzeugen berichten

Die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, der Zweite Weltkrieg, das Kriegsende und die unmittelbar folgenden politisch-gesellschaftlichen Veränderungen hinterliessen auch auf Poel und bei den Poelern Spuren. Heute, fast 70 Jahre nach Kriegsende werden die Zeitzeugen langsam rar. Kaum noch jemand findet sich heute, der diese Zeit selbst noch erlebte und berichten kann. Um so wichtiger ist es - so finde ich - die Erlebnisse dieser Zeitzeugen festzuhalten. Geschichte wird gerade dann für nachfolgende Generationen erlebbar, wenn man sie da nachvollziehen kann, wo man selbst aufgewachsen ist.

Untenstehend finden Sie einige Zeitzeugenberichte aus jener Zeit. Die Texte sind zum Teil schon jahrzehntealt und beschränken sich derzeit noch weitgehend auf die Geschehnisse bei Kriegsende. Hinzu kommen Berichte von noch lebenden Zeitzeugen. Mein Dank an dieser Stelle an diejenigen, die mir ihre Erlebnisse auf meine Anfrage hin mitteilten!
Die Beiträge sind jeweils unverändert hier eingestellt. Weitere Berichte folgen.
 

Joachim Saegebarth, Oberstudienrat i. R. und Heimatforscher war zwar kein Augenzeuge der Poeler Geschehnisse bei Kriegsende; er gibt aber in einem 1998 im “Poeler Inselblatt” erschienenen Artikel eine gute, von ihm recherchierte Gesamt-Beschreibung der damaligen Umstände:

Das Ende des Krieges auf der Insel Poel
- von Joachim Saegebarth -

“Anfang Mai 1945 zeichnete sich auch für die Menschen auf Poel das Ende des II. Weltkrieges ab. Die Einwohnerzahl hatte sich durch Ausgebombte und Flüchtlinge bereits erhöht. Die Front rückte von zwei Seiten immer näher. Am Vormittag des 2. Mai hatten amerikanische Panzer Schwerin erreicht. Britische Panzer waren in Bobitz, und Rostock war am 1. Mai von den Sowjets besetzt. Am 2. Mai war dann auch Wismar von britisch-kanadisch-amerikanischen Truppen besetzt worden, die am 3. Mai in Richtung Grevesmühlen-Dassow weiterrückten. Sowjetische Panzer hatten, von Güstrow kommend, die Ostsee erreicht und nahmen am Abend des 2. Mai südöstlich von Wismar Verbindung mit den Westalliierten auf.
Die Demarkationslinie zwischen den Westalliierten und den Sowjets, die bis zum Abzug der Engländer am 1. Juli 1945 bestand, verlief von Hohen Viecheln über Schimm-Levetzow-Kritzowburg-Gagzow nach Dorf-Redentin-Fischkaten.
Aus diesen Tagen gibt es einige Berichte von Augenzeugen, die sich besonders auf die Vorgänge um die Flucht des Gauleiters und Reichsstatthalters von Mecklenburg, Hildebrandt, beziehen. So wurde mir erzählt, daß Poeler Einwohner, die Kenntnis von dem Vorhaben Hildebrandts hatten, sich über Poel nach Schleswig-Holstein abzusetzen, die Brücke sperren wollten. Der Gauleiter sei aber in einem Feuerwehrauto, das mit Sondersignal von Groß Strömkendorf kam, durchgefahren. Mehrfach wurde erzählt, daß Hildebrandt sich dann im Kurhaus am Schwarzen Busch aufgehalten habe. Das Kurhaus war nach dem Verkauf durch die Familie Grahl in den Besitz einer nationalsozialistischen Organisation übergegangen. Nach weiteren Berichten sei er von dort am Strand entlang zum Timmendorfer Hafen gekommen, von wo er mit dem dort stationierten Zollkreuzer abgefahren sei. Er wurde später von den Engländern in Schleswig-Holstein verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Weiter gibt es Berichte, daß es am Kirchdorfer Hafen zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen dem Wismarer Kreisleiter Ohl und dem Fotografen Heinrich kam. Heinrich, der kriegsverwundet war, hatte in der Wismarschen Straße ein kleines Geschäft. Er wollte die Vorgänge fotografieren und wurde dabei von Ohl mit der Pistole bedroht. Der Kreisleiter zog aber dabei den kürzeren. Zu diesen letzten Kampftagen ist auch immer wieder die Rede von Einsätzen anglo-amerikanischer Tiefflieger. So wurde vor Timmendorf der Poeler Dampfer ,,Seeadler II" versenkt. Unklar ist das genaue Datum, an dem die Truppen der Roten Armee die Insel besetzten. Sie kamen mit pferdebespannten Wagen auf die Insel, entweder schon am 3. oder am 4. Mai. In Timmendorf Strand mußten die Lotsen-Familien innerhalb von zwei Stunden die Wohnungen im Leuchtturmhaus verlassen. das als Truppenunterkunft eingerichtet wurde. Mir liegt ein Foto vor, das auf dem Erkerausbau des Wachlotsen einen aus Holz gefertigten Beobachtungsstand zeigt. Die Soldaten begannen, auf den Steilküsten bei Timmendorf, Neuhof und im Norden der Insel Schützengräben auszuheben, die bis in die sechziger Jahre, als die Waldstreifen gepflanzt wurden, zu erkennen waren. Später errichteten die sowjetischen Soldaten im Schwarzen Busch Unterkunftsbaracken, die dann von der Grenzpolizei übernommen wurden. Diese hatten ihre erste Unterkunft, samt Pferdestall, im Zollhaus in Kirchdorf. Bekannt ist auch, daß sich viele Frauen und Mädchen im Neuhofer Bruch und an anderen Stellen vor den Nachstellungen der sowjetischen Soldaten versteckten. Die Gaststätte Völter war mit Flüchtlingen belegt. Die vielen Zuflucht suchenden Menschen, die mit ihren Trecks oder mit der Eisenbahn bis Wismar gekommen waren, bekamen bei
vielen Familien Unterkunft zugewiesen. Die Einwohnerzahl der Insel stieg von 1895 im Jahr 1939 auf geschätzte 4600 im Jahr 1946. Im Oktober 1945 wurde die Bodenreform durchgeführt. Die enteigneten Besitzer mußten die Insel verlassen, obwohl in einigen Fällen, wie auf dem Hof der Familie Wegener, die Siedler dafür eintraten, daß sie bleiben sollten. Von den 260 Neubauern, die Siedlungsland erhielten, waren 142 Flüchtlingsfamilien, die nach den Aufteilungsunterlagen vorwiegend aus Ostpreußen und Hinterpommern, weniger aus Westpreußen und Schlesien.
Die Zeit von 1945 bis 1946 wurde dann durch den herrschenden Hunger, die Armut und das Elend unter den Menschen besonders schwer. Die Probleme, die für die vielen arbeits- und wohnungslosen Familien im Vordergrund standen, waren die Beschaffung von Nahrung, von Heizmaterial, von Schuhen und Bekleidung. Ausbrechende Krankheiten, wie Krätze, Hungertyphus u.a. forderten viele Opfer. Erst vor kurzem wurde auf dem Friedhof an der Wismarschen Straße das Feld, auf dem die Typhustoten beerdigt wurden, eingeebnet. Die Schule II (Sigglow-Schule; heute Fremdenverkehrsamt) wurde zur Seuchenstation: Dort betreuten Frau Dr. Rüther-Haland und Schwester Lydia Reimer mit großem persönlichen Einsatz die Kranken.”

Günter Pohl, Jahrgang 1917, war von Mai bis November kurzzeitig Pastor der Insel. In einer im Inselmuseum aufbewahrten Notiz von September 1945 schildert er den Zustand der Poeler Pfarre kurz nach Kriegsende:

“Die Kirche ist völlig unangetastet geblieben. Die Vasa sacra sind, da sie eingegraben waren vollzählig erhalten geblieben. Alles Inventar ist unbeschädigt. Die beiden Friedhöfe werden gepflegt und befinden sich in einem guten Zustand. Das Pfarrhaus einschließlich Nebengebäuden ist unbeschädigt. Plünderung hat stattgefunden. An kirchlichem Eigentum ist nur ein noch nicht feststellbarer Betrag aus der Kirchenkasse entwendet worden, an Privateigentum sind Frau Pastor Warncke, den anderen im Hause wohnenden Flüchtlingen und mir mancherlei gestohlen worden. Der Pfarrgarten hat zu einem großen Teil sehr gelitten, da Panzer und viele Lastkraftwagen im Pfarrgarten untergebracht waren. Der Zaun des Pfarrgartens ist zerstört.“

Eberhard Poppelbaum, Jahrgang 1935 und Sohn des Eigentümers Poppelbaum in Timmendorf berichtete mir in einem Brief über die letzten Kriegstage und folgende Enteignung des väterlichen Gutes aus eigenem Erleben:

“Da mein Vater als sog. Sonderführer in Russland war, er hatte hier die Verpflegung einzelner Truppenteile sicherzustellen, musste mein Onkel, Karl-Ludwig Evers die Landwirtschaft übernehmen. Wir hatten die auf Poel bekannten Familien Will und Wieck als Tagelöhner zur Hilfe sowie einige russische Kriegsgefangene. Anfang Mai kamen russische Truppen mit einem solchen Kriegsgefangenen auf die lnsel und besetzten unser Wohnhaus. Weil angeblich unser Onkel Schuld am Tod seines Vaters war, dieser fiel indes rückwärts von der Drillmaschine und verletzte sich tödlich, erschoss ein russischer Kommissar ihn im Keller. Wir begruben ihn erst einmal am Gartenzaun und später im Familiengrab in Kirchdorf. Wegen der im Haus hausenden Russen gingen wir mit unserem treuen Kindermädchen nach Kirchdorf zu dem mit uns befreundeten Bäcker Groth. Als sie es verlassen hatten, kehrten wir zurück, suchten aber, da es so gut wie unbewohnbar geworden war, Quartier bei Kleingarns in Brandenhusen. Hier war es für uns Kinder ein Abenteuer, die Straße zum Gehöft zu überwachen, wenn russische Offiziere mit einer Kutsche anfuhren, um die 'Gesellschaft' mit Frauen zu suchen. Bei Dunkelheit gelang es jedoch nicht immer, rechtzeitig Frauen und Mädchen zu warnen. Einige Zeit hatten sich auch etwa 10 Soldaten mit einem Maschinengewehr einquartiert, um die die über die Kirchsee nach Wismar fliehenden lnsulaner abzufangen. Als es allgemein ruhiger geworden war, kehrten wir nach Timmendorf zurück. Hier kam Anfang/Mitte Oktober der Gemeindebote auf den Hof und erklärte unserer Mutter mit belegter Stimme, wir hätten binnen 24 Stunden im Umkreis von 20 km Haus und Hof zu verlassen; dies geschah auf allen Höfen bei Landwirten mit mehr als 100 ha und nicht nur auf Poel sondern in der gesamten SBZ. So zogen wir dann mit einem kleinen Handwagen über die Brücke von Fährdorf in das Haus Rostocker Straße 25 in Wismar, das unserem Vater und seiner Schwiegermutter wie deren beiden Geschwistern Magdalene und Wilhelm Kienappel gehörte. Hier konnten wir noch die Familie von Peter Steinhagen mit aufnehmen. Als Gerüchte auftauchten, die ,,Junker und Feudalherren" würden nach Thüringen oder Sibirien umgesiedelt, suchten wir einen weiteren Hof von Kleingarns in Lockwisch nahe Lübeck auf und gingen mit Hilfe eines Führers von hier aus des nachts über die Grenze in die Stadt. Die Familie Steinhagen und der alte Steinhagen/Kaltenhof schlossen sich an. Endstation war dann nach 2 Tagen das Haus unserer Großeltern in Hannover.”

Magdalene Metelmann geb. Steinhagen, Jahrgang 1907, beschreibt 1973 in einem Brief an Ernst Metelmann aus Stuttgart die Umstände des Todes von Verwandten unmittelbar vor Kriegsende Anfang Mai 1945:

“Erna Günther geb. Metelmann und deren Ehemann Paul Günther waren uns persönlich noch gut bekannt. Paul Günther war, nachdem das Ehepaar nach Wismar verzogen war, Maschinist auf den Dampfer "Seeadler I", der zwischen Wismar und Lübeck verkehrte und meinem Vater gehörte. In den letzten Kriegstagen lag das Schiff vor Timmendorf/Poel vor Anker. Die Besatzung hatte ihre Fam. Angehörigen an Bord genommen, da das Schiff den Hafen verlassen musste wegen der anrückenden Feindtruppen. Die Besatzung fühlte sich durch Hissung der weißen Flagge in Sicherheit und sonnte sich auf der Kommandobrücke. Mit Ferngläsern beobachteten sie die sich in der Luft tummelnden Flugzuge, bis letztere plötzlich herabstiessen und sich als Feindflugzeuge entpuppten, indem sie die an Bord befindlichen Personen mit Maschinen-gewehren beschossen. Es gab mehrere Tote und Verletzte. Erna und Paul Günther waren sofort tot, während eine Verletzte hier in unseren Haus ihren Verletzungen erlag. Erna und Paul Günther wurden mit den anderen Toten von uns auf dem Poeler Friedhof, so gut es den Umständen noch ging beerdigt. Mein Vater, Kapitän Peter Steinhagen, hielt die Grabrede, da kein Pastor auf der Insel war. Mein Vater der sich auch auf dem Schiff befand, war nur durch Glücksumstände einem gleichen Schicksal entgangen. Das Schiff, das beim 1. Angriff nur manövrierunfähig geschossen wurde, wurde bei einem erneuten Angriff am Tage darauf von engl. Fliegern versenkt.”

Bärbel Strehli, geb. Arndt aus Chicago stellte die Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter aus dem Jahr 1945 der Redaktion des “Poeler Inselblatt zur Verfügung, in welchem diese 1993 in mehreren Teilen erschienen:

Aus dem Tagebuch einer Mutter:

5.3.1945: Flucht aus Stresane um 7 Uhr morgens. Auf Pauls Schweinewagen mit 5 Kindern Richtung Swinemünde Großoma und Großtante.
10.03.1945: Wir gingen zum Swinemünder Bahnhof, um mit dem Flüchtlingszug nach Rostock und weiter nach Poel zu fahren. Eineinhalb Tage im Zug gesessen. Einen unaussprechlich erschreckenden Fliegarangriff auf Bahnhof und angrenzenden Hafen heil überstanden. Hunderte Mitmenschen kamen um.
15.03.1945: Durch Glück einen LKW bekommen, der um 14:00 Uhr nach Wismar fuhr. Wir kamen um 9:00 Uhr an. Benachrichtigte Herrn Falk, der uns per Fuhrwerk abholte. Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir Insel Poel. Durchgefroren und müde gingen wir nach liebevoller Bewirtung in unser 3-Bettenzimmer, unser neues Zuhause für 3 Erwachsene und 5 Kinder.
17.3.1945: Große Einkäufe gemacht, da Herr Falk so freundlich war und uns neue Lebensmittelkarten besorgte.
1.4.1945: Großer Waschtag von 3:30 Uhr früh. Bis zum Mittag war alles auf der Leine. Danach sägen unseres Flüchtlingsholzes.
2.5.1945: In den vergangenen Tagen sind alle Inselbewohner voller Spannung, ob die Russen oder die Amerikaner nach Wismar und Poel kommen.
3.5.1945: Es heißt, die Amerikaner haben Wismar besetzt. Am Ortseingang wehte eine weiße Fahne und im Laufe des Vormittags mußten alle auf Anordnung des Bürgermeisters aus ihren Häusem weiße Fahnen hängen.
4.5.1945: Nachmittags gegen 2 Uhr kommen zu unser aller Schrecken russische Panzer und Lastautos auf die Insel. Die Russen fielen gleich plündernd über Hab und Gut der Inselbewohner her.
8.5.1945: Haben in den vergangenen Tagen unsagbare Angst vor den Russen gehabt, viel Schauriges mit der Frauen-verfolgung und Plünderung erlebt. Die erste Nacht bei der anderen Flüchtlingsfamilie im Falkschen Haus auf dem Fußboden schlafend verbracht und heute grausames Schreien von den Frauen, die im anderen Klassenzimmer untergebracht waren. Gingen in den nächsten Nächten oft nach Gollwitz, um sie in den Rapsfeldern oder auf der Möweninsel zu verbringen. Regen, Gewitter und Kugelpfeifen um uns herum.
11.5.1945: Von der Möweninsel verjagt von jungen Russen - bei Bauern in Gollwitz übemachtet.
17.5.1945: Die verflossenen Tage waren stiller - Russen kamen und gingen weg – wurden aber nicht weniger. Seit die Russen hier sind, bekommen wir weder Butter noch Milch - nur 1 Brot pro Woche und Person. Wenig Fleisch.
23.5.1945: Gingen mit den 3 großen Kindern zur Möweninsel. Brachten 65 zerdrückte Möweneier nach Hause.
24.5.1945: Zurück zur Möweninsel um 6 Uhr in der Früh. Fanden 39 Eier. Wollten gerade zum letzten Mal die Insel absuchen, als Russen kamen und uns alle Eier -außer 6-, die die Kinder in ihre Taschen gesteckt hatten, abnahmen.
26.5.1945: 20 Russenwagen kamen heute auf die Insel und fuhren in Richtung Schwarzer Busch.
31.5. 1945: Die 3 Großen zur Möweninsel – brachten nur 6 Eier mit. Am Nachmittag machten wir aus 600 Kartoffeln Schnitzel, die wir trocknen müssen und dann den Russen abzuliefern haben.
5.6.1945: Heute gab es zu unserer großen Freude die ersten 100 Gramm Butter pro Person seit sechs Wochen.
6.6.1945: Jeden zweiten Tag haben wir nun getrocknete Schnitzel an die Russen abzuliefern. Um 5.30 Uhr zur Möweninsel - 20 Eier gefunden. Am nächsten Tag waren Posten, die keinen mehr rüberließen. da die Russen die Eier selhst brauchten.
8. bis 23.6. 1945: Tage vergingen mit Waschen, Gartenarbeit, Nähen. Holz sägen, hacken und aufbauen.
26.6.1945: Heute vormittag bis zum Mittag in der hiesigen Gärtnerei gearbeitet, urn ein paar Tabakpflanzen zu erhalten. Bekam auch tatsächlich zwei Stück und ein Liter Vollmilch.
21.6.1945: Habe heute vormittag bei 6 Menschen um Waschmittel angehalten und gebeten. Ich habe mich angeboten dafür zu arbeiten – aber alles ohne Erfolg.
28.6.1945: Sehr viel Regen in den letzten Tagen; mit Schrecken denke ich an die Möglichkeit eines Winteraufenthaltes mit 16 Personen in dem sonst so stillen Schulhaus.
30.6.1945: In Brandenhusen Schoten gepflückt.
2. Juli 1945: Ging heute ganz alleine auf das wunderschöne Gut Neuhof, um Schoten, Möhren und Kohlrabi zu pflücken und zu kaufen.
4. Juli 1945: Einen Besuch in Malchow bei Herrn Dr. Lembke gemacht.
5. Juli 1945: Wieder einmal, wie schon seit mehreren Wochen, in blankem Wasser Wäsche gewaschen und habe mich recht geschämt, die so eingegraute Wäsche auf die Leine zu hängen. Ich verstehe nicht, wie andere Leute, die noch über gute Seife und Persil verfügen, so grausam sein können und es mit ansehen, wie ich die Wäsche für fünf Kinder, die alte Tante und mich selbst ohne Waschmittel sauber bekommen soll.
7. Juli 1945: Gestern klagte ich über die Unbarmherzigkeit der Mitmenschen und bekam heute von einem lettischen Flüchtling ein Stück Kemseife und einen Klumpen Soda geschenkt. In Brandenhusen bei Kleingarn's Obst und Johannesbeeren gepflückt. Zusammen mit Freunden gehackt und nun haben wir einen kleinen Vorrat.
8. Juli 1945:
Mit den Kindern nach Wangern gewanderltzu Pauls Geburtstag.
14. Juli 1945: Endlich seit Wochen 4 Karten von Gerhard erhalten. Habe vor Freude, daß er lebt, mit den Kindern qeweint.
15. Juli 1945: Herr Falk's Geburtstag - ein heißer Tag. Die Kinder an den Kirchwällen zum Baden.
18.Juli 1945: Vor der Abendandacht mit Pastor Pohl zurückkommend wurde bekannt gegeben, daß für alle Flüchtlinge, die in keinem Arbeitsverhältnis stehen und dadurch kein neues Wohnrecht erworben haben, angeordnet wurde, in die alte Heimat zurückzukehren. Wir sind sehr beunruhigt. Wie sehr brauche ich nun meinen Mann als Stütze an meiner Seite.
20. Juli 1945: Aus Angst, von der Insel gehen zu müssen. packe ich vorsichtshalber unsere Koffer.
21.Juli.1945: Heute haben wir bei Frl. Thiessen auf Oertzenhof ein Arbeitsverhältnis ausgearbeitet. Elisabeth und ich arbeiten nun abwechslend eine Woche auf den Feldern. Wir brauchen die Insel nicht zu verlassen und können hier auf unseren Papa warten.
25.Juli 1945: Heute fuhr ich ohne Passierschein mit dem Treckwagen nach Wismar und kam glücklich durch die drei Sperren. lch sah da auf einmal, voller Glück, mein Gerhardlein nebst Kameraden auf einem entgegenkommenden Wagen.
Mit großer Mühe gelang es dem Kutscher, Gerhard unter dem Stroh zu verstecken. Und da ich keinen Passierschein hatte, gab es Schwierigkeiten. Aber der Kutschcr sprach russisch und so gelang es uns wieder zur lnsel zu kommen. Und die Freude über den Papa und ihn nun behalten zu können war bei groß und klein, besonders bei mir ganz unvorstellbar groß.
26.Juli 1945: Frl. Thiessen brachte Gerhard als Arbeitskraft unter und somit konne er auf der Insel bleiben. Brachte heute den ersten Liter erarbeitete Vollmilch herein.
31. Juli 1945: Mein Arbeitstag auf Oertzenhof bringt mir ein Liter Vollmilch, Mittagessen und Abendbrot und drei DM Tageslohn ein – wie froh bin ich.
3. August 1945: Herr Falck wurde am Nachmittag von der G.P. abgeführt. Wie grausam.
9. August 1945: Wir bekamen Nachricht, daß wir Aussicht auf eine größere 2-Zimmerwohnung im Gutshaus in Oertzenhof bekommen. Frl. Thiessen wurde über Nacht von dem schönen Gut verwiesen. Welche Ungerechtigkeiten doch herrschen.

Prof. Dr. Werner Karsten, Sohn des damaligen Timmendorfer Lotsen Franz Karsten lebte einige Jahre - so auch bei Kriegsende - auf Poel. Er schrieb seine Erinnerungen als “Gedächtnisprotokoll” nieder. Der Titel seiner Niederschrift lautet: “Erinnerungen an die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegstage auf der Insel Poel, insbesondere in Timmendorf”. Prof. Karstens Erinerungen erschienen in mehreren Teilen in den Jahren 2000/2001 im “Poeler Inselblatt. Untenstehend seine Aufzeichnungen in zusammengeführter Version:

“Im April 1945 kehrte ich nach schwerer Verwundung auf Genesungsurlaub nach Timmendorf zurück. Es waren die Tage kurz vor dem verheerenden Luftminen-Angriff auf Wismar. Die Fahrt von Wismar nach Timmendorf machte ich mit einem größeren Fischkutter „Störtebeker“, der von der Kriegsmarine requiriert und wahrscheinlich in Timmendorf stationiert worden war. In der Wismarbucht lag ein deutscher Großsegler. Im Timmendorfer Hafen sah ich viele fremde Boote, u. a. Fischerboote samländer Fischer, die infolge des Vormarsches der Roten Armee die Ostseeküste entlang gefahren waren. Außerdem lag der aus Danzig nach Wismar gekommene Lotsendampfer „Habicht“ im Hafen. In den ersten Maitagen lief ein Dieselschlepper der Kriegsmarine in den Hafen ein, der später mit dem Namen „Hannibal“ im Lotsendienst eingesetzt wurde. Schließlich ist der Wismarer Dampfer „Seeadler“ zu nennen, der südlich vor dem Hafen ankerte. Über die wiederholten Tieffliegerangriffe auf diesen Dampfer und dessen Versenkung berichtet außer Saegebarth auch Gustav Wulf. Einen der Angriffe beobachtete ich vom heute noch vorhandenen Bootsschuppen neben dem alten Lotsenhaus aus; einige Geschosse gingen über unsere Köpfe hinweg und schlugen im Acker ein. Die Ehefrau eines der Besazungsmitglieder wurde tödlich verletzt und in Timmendorf an Land gebracht.
Zur Flucht des Gauleiters Friedrich Hildebrandt: Ich kann das genaue Datum nicht nennen, an dem ich eine Gruppe bewaffneter SA-Männer beobachtete, die am Strande entlang vom Schwarzen Busch herkamen. Sie hielten sich eine Weile am Signalmast in Hafennähe auf. Offenbar sicherten sie eine zweite, kleinere Gruppe, ebenfalls in braunen Uniformen, die nach kurzer Zeit folgte - offensichtlich gehörte Friedrich Hildebrandt zu dieser Gruppe. Alle gingen an Bord des Zollkreuzers „Schwerin", der im Hafen bereit Iag.
Der Zollkreuzer unter Führung von Karl Hörig brachte sie nach Neustadt in Schleswig Holstein. Die Fahrt über die Lübecker Bucht erfolgte wegen der ständigen ständigen Bedrohung aus der Luft nicht mehr bei Tageslicht, sondern im Schutze der Dunkelheit. Kapitän Hörig kehrte allein, ohne Besatzung nach Timmendorf zurück. Seine Fahrten waren wegen der gelöschten Feuer und sicherlich ohne eigene Positionslampen gefährlich und eine seemännische Leistung. Diese Umstände der Flucht bestätigte mir die Tochter von Kapitän Hörig, die sich damals ebenfalls in Timmendorf befand. Somit besteht für mich kein Zweifel daran, dass der „Gauleiter und Reichsstatthalter" Friedrich Hildebrandt auf diese Weise die lnsel Poel verließ – wahrscheinlich das letzte, von den Alliierten noch nicht besetzte Teilgebiet Mecklenburgs. Sein letzter „Amtssitz" war demnach der Schwarze Busch gewesen.

Nach Gustav Wulf wollte Friedrich Hildebrandt ursprünglich mit dem Dampfer „SEEADLER“ fliehen. Der Dampfer hatte sich vor Timmendorf bereit zu halten. Dafür spricht auch, dass Lastwagen, angeblich beladen mit dem Besitz Hildebrandts, in Timmendorf bereitstanden. Meine Schwester erinnert sich an eine entsprechende Bemerkung unseres Vaters. Nach Beschuss und Versenkung des Dampfers musste dann der Zollkreuzer „SCHWERIN“ als Fluchtfahrzeug dienen.
Es ist bekannt, dass F. Hildebrandt später – 1947 in Dachau - zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Er hatte, angeblich empört über die vielen Toten in Mecklenburg infolge von Tieffliegerangriffen, vor allem auf Züge, US-Amerikanische Flieger erschießen lassen. Auch der Todesschütze, ein Förster aus der Nähe von Schwerin, wurde mit ihm verurteilt und hingerichtet, wie ich aus absolut zuverlässiger Quelle weiß. Etwa gleichzeitig mit der Flucht Friedrich Hildebrandts - in jenen Tagen überstürzten sich die Ereignisse in dem sonst so ruhigen Timmendorf – kam eine Infanterie-Einheit nach einem anstrengenden Tagesmarsch aus Warnemünde. Es könnten etwa 200 Mann gewesen sein. Mit einigen der sehr jungen Soldaten (Rekruten) habe ich gesprochen. Der verantwortliche Offizier wandte sich an meinen Vater Franz Karsten als Leiter der Lotsenstation: Er verlangte, zu einem auf Reede liegenden Transporter übergesetzt zu werden - andernfalls müsse er mit seinen Soldaten zurück zur Poeler Brücke, um die InseI zu verteidigen. Wegen des häufigen Beschusses durch Tiefflieger war das Unternehmen des Übersetzens nicht ungefährlich. Nachts brannte kein Leuchtfeuer, eine weitere Gefahrenquelle. Für das Übersetzen stand der Station der Lotsendampfer „Habicht“ zur Verfügung.Die Besatzung hatte jedoch aus den genannten Gründen Bedenken. Schließlich konnte mein Vater aber die Besatzung davon überzeugen, dass man einen Kampf auf der Insel vermeiden und das Leben vieler Menschen retten müsse. Auch galt es, die jungen Soldaten vor der Gefangenschaft in der Sowjetunion zu bewahren. Viele Male musste der stets überladene Lotsendampfer fahren, bis alle Soldaten übergesetzt waren. Um den „HABICHT“ jeweils auf der Rückfahrt die Hafeneinfahrt anzuzeigen, hatte sich mein Vater mit einer Handlampe auf den Kopf der Nordmole gesetzt.
Wie allen Küstenstationen lag auch für die Lotsenstation in Timmendorf der Auftrag vor, im Falle einer drohenden feindlichen Besetzung die Feuer zu löschen und See- und Landmarken für die Orientierung der Schifffahrt möglichst zu
beseitigen. Mein Vater beriet sich darüber mit Otto Gramkow - sie erkannten die Sinnlosigkeit dieses Auftrages in jenem Stadium des Krieges und machten gar nicht erst den Versuch, z. B. die Landbaken südlich von Timmendorf zu beseitigen. Kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee verließen mehrere Schiffe den Timmendorfer Hafen, z. B. Warnemünder Fischer, die nach Schleswig-Holstein fuhren sowie der Wismarer Schlepper WALFISCH, der zunächst die westliche Küste der Wismarbucht ansteuerte, nach Sichten von schwarzen US-Soldaten aber zunächst nach Timmendorf zurückkehrte und schließlich (nach Eintreffen der ersten Sowjetsoldaten) wieder nach Wismar dampfte.
Auch der Fischer Karl Hartig nebst Familie lief mit seinem Boot in Richtung Schleswig-Holstein aus, karn aber wegen der ständigen Bedrohungen aus der Luft bald nach Timmendorf zurück.
An das Eintreffen der ersten Rotarmisten in Timmendorf erinnere ich mich genau: Es waren zwei Soldaten mit einem Kutschwagen. Bald danach kam eine Batterie Artillerie. Sofort wurden Stellungen am südlichen Steilufer mit Laufgräben ausgebaut. Mit Erstaunen beobachteten wir, dass die Rotarmisten in Deckung gingen, sobald angloamerikanische Flieger erschienen – unter Verbündeten eine bemerkenswerte Verhaltensweise. Oft gingen Offiziere und Soldaten durch unsere Wohnung. Ein Offizier interessierte sich für unseren Bücherschrank, las halblaut ihm bekannte Titel und Autoren. z. B. Dostojewski (Raskolnikow) und Tolstoi. Andere Soldaten suchten allerdings nach Ferngläsern, Uhren und Eingemachtem. Gesucht wurde auch nach möglicherweise versteckten Waffen. So wurde im Keller unseres, des damals neuen Lotsenhauses, eine Kiste geöffnet, die u.a. Handfeuerwaffen enthielt. Wir befürchteten Schlimmes, als ein Offizier mit gezogener Pistole in unsere Küche kam und meinen Vater in den Keller mitnahm. Nach geraumer Zeit, die uns natürlich sehr lang erschien, kehrte mein Vater zurück. Er berichtete, dass unser Nachbar, der Lotse Vorbeck. Kisten für eine Frau v. Witzleben oder deren Begleiter untergestellt hätte - die Keller waren aus Luftschutzgründen miteinander verbunden. Es hieß, einer der Begleiter Frau v. Witzlebens sei (in Ostpreußen) beim Volkssturm gewesen und habe die Kisten mitgebracht. Ein polnisch sprechender Begleiter konnte diesen Sachverhalt zu unserem und unseres Nachbarn Glück klären. Für die Soldaten der Batterie wurden Quartiere benötigt. Das war vermutlich der Grund, weshalb wir - innerhalb von zwei Stunden - aus Timmendorf ausgewiesen wurden. Geräumt wurden alle Häuser am Strande, die Lotsenstation, das Zollhaus sowie Schröders und Hartigs Haus. Unsere Familie bestand aus sechs Personen: meine Eltern und meine Schwester, deren neun Monate alte Tochter, eine hochbetagte alte Tante meiner Mutter, die in Hamburg ausgebombt worden war, und ich. In großer Eile mussten wird einige wichtige Habseligkeiten, hauptsächlich Kleidung und Lebensmittel zusammenpacken und uns auf den Weg nach Kirchdorf machen. Ich konnte nur einen Rucksack tragen, weil ich als Beinamputierter mit Krücken gehen musste. Wir fanden Aufnahme auf dem Boden der Schildt-Schule. Der Klassenraum unter uns war voller Flüchtlinge. Oben hatte auch die Lehrerin Frau Balzer ihr Zimmer. Viele Kirchdorfer hatten damals Verwandte, Bekannte und andere Flüchtlinge aufgenommen. Die meisten Flüchtlinge waren, wie allgemein bekannt, in der Gaststätte Völter untergebracht.
Kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee hatten Boote der britischen Marine von Wismar kommend den Hafen angelaufen, wie uns ein Hamburger Reeder berichtete, der sich wegen der Angriffe auf Hamburg in Kirchdorf aufhielt. Er hatte sich bei den Engländern über die allgemeine Lage informiert. Die Engländer machten dunkle Andeutungen - wir würden schon noch sehen, was auf uns zukommen würde. Dieses Ereignis, wie auch jede der späteren Marschbewegungen der Sowjetsoldaten auf der Insel, weckten bei der Bevölkerung spekulative Hoffnungen, dass die Engländer, die ja Wismar besetzt hatten, auch nach Poel kommen würden. Bald nach unserer Ankunft in Kirchdorf traf ich zwei junge Frauen, die zuvor in Timmendorf in dem einsam am Nordweststrand gelegenen „Häußer´schen Haus“ ( Seenotrettungshaus) gewohnt hatten. Sie beklagten sich bitter, von unserer Ausweisung aus Timmendorf nicht rechtzeitig informiert worden zu sein.
Einmal wurden - durch Anschläge oder Ausrufer - alle wehrfähigen Männer bis zu 50 Jahren aufgefordert, sich zu einem bestimmten Termin auf dem Schulhof in Wangern einzufinden. Niemand kannte den Grund, viele Vermutungen wurden geäußert. Manche glaubten, sie bekämen einen Stempel in ihre Papiere. Was geschah? Zunächst erschien ein einzelner Soldat – einigen Poelern bereits flüchtig bekannt - und ließ alle antreten. Dann wurde eine Marschkolonne gebildet, die sich in Richtung Kirchdorf bewegte. Bis dahin waren fast alle guter Dinge. Doch Kirchdorf wurde in Richtung Fährdorf passiert und die Kolonne - inzwischen von weiteren Soldaten eskortiert - verließ die Insel. Irgendwo im Wald bei Farpen, wie man später erzählte, wurde übernachtet und es ging am Morgen weiter. Vereinzelt kamen Männer zurück, die fliehen konnten. Einige sollen nie wiedergekommen sein. Viele wurden wahrscheinlich in Lagern eingesperrt.
Gelegentlich gab es Übergriffe der Rotarmisten. Wenn nachts die Hunde in Kirchdorf anschlugen, wussten wir, dass wieder einige unterwegs waren. Der alte Lehrer Schildt wurde geschlagen, weil er auf die Frage nach versteckten Frauen keine befriedigende Antwort gab. Mein Vater wollte nach Absprache mit einem Kirchdorfer Fischer meine Schwester nach Wismar
schicken. Doch das Boot wurde auf der Kirchsee beschossen und musste nach Kirchdorf zurückkehren.
Die Versorgung mit Lebensmitteln war schwierig. Meine Mutter teilte sich mit den Flüchtlingsfrauen aus dem Schulraum die Kochstelle, die sich im Gang unten im Schulgebäude befand. Eine der Flüchtlingsfrauen nahm sich in diesen Tagen durch Erhängen das Leben. In der letzten Zeit unseres Aufenthaltes in Kirchdorf wohnten wir in einem Zimmer der Gaststätte Groth. Bei unserer Rückkehr nach Timmendorf - das Datum kann ich nicht angeben – fanden wir die Wohnung in wüstem Zustand vor. Wegen des fehlenden elektrischen Stroms war die gesamte Wasserversorgungsanlage ausgefallen,die Toilette war in einem unbeschreiblichen Zustand. In den Kellerräumen schwebten bei jedem Luftzug die Daunen aus aufgeschlitzten Inletts in der Luft. Am 1. Juli 1945 lösten sowjetische Truppen die britische Besatzung in Wismar ab. Unmittelbar vor dem Abzug konnten wir beobachten, wie eine ,,Armada" von Schiffen aus der Wismarbucht in Richtung Lübeck oder Schleswig-Holstein auslief. Nachdem die Übergabe in Wismar erfolgt war, konnte ich mit einem Treck von Fuhrwerken nach Wismar fahren. Wir hatten mehrere Schlagbäume zu passieren, nicht nur an der Poeler Brücke. Ich benötigte einen Passierschein, den ich von einem Sergeanten bekam, der in einem Raum der Gaststätte Groth seines Amtes waltete. Angesichts meiner Krücken fragte er mich, an welcher Front ich verwundet worden wäre (,,Wo Front?"). Nachdem ich wahrheitsgemäß die baltischen Provinzen (Kurlandkessel) genannt hatte, freute er sich -,,Russki Kartusch karascho!" (russische Kartuschen gut).
Bei Strandgängen fand ich im Sommer 1945 mehrfach Leichen in KZ-Kleidung, offensichtlich ertrunkene Häftlinge von der „Cap Arcona". Der Häftlingstransporter wurde am 3. Mai 1945 durch einen Angriff britischer Jäger versenkt. Das Ehrenmal am Schwarzen Busch erinnert an diese Opfer. Der Schauspieler Erwin Geschonnek gehörte zu den Geretteten.
In Timmendorf war nach dem Abzug der Artillerie nur ein kleines Wachkommando von 12 bis 20 Mann geblieben. Sie wohnten in der Gaststätte Otto Schröders. Ihre Wachposten hatten sie zunächst auf dem äußeren Umgang des
Leuchtturms; später wurde der im Beitrag von Joachirn Saegebarth erwähnte Beobachtungsstand auf dem Erkerausbau des alten Lotsenhauses genutzt. Mit den Soldaten dieses Wachkommandos gab es meines Wissens keine Probleme. Einer von ihnen, ein Turkmene, brachte uns sogar heimlich Brot. Er hatte auch ein altes Bild von mir in ,,Jungvolk-Uniform" gefunden; er übergab es mir, damit es nicht in falsche Hände käme!
Als er Reimar Bradhering - Reimars Vater war Versetzbootfahrer gewesen und die Familie lebte im alten Lotsenhaus - und mich einmal beim Schachspiel antraf, spielte er mehrfach mit uns. Später hielt er sich uns gegenüber mehr zurück, vermutlich hatte er wegen seines deutschfreundlichen Verhaltens Schwierigkeiten bekommen. Heute vermute ich, dass an diesem Beispiel Spannungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten innerhalb der Roten Armee deutlich wurden.
Im Dezember 1945 kam ein Kommando der sowjetischen Marine nach Timmendorf und quartierte sich im alten Lotsenhaus ein. Die dort lebenden Familien mussten die Wohnungen räumen. Auch Bradherings.
Schon seit den Spätsommertagen war mein Vater wieder im Lotsendienst tätig, die Schiffahrt begann wieder und nahm bald stark zu. Die Zahl der in Timmendorf ansässigen Lotsen vergrößerte sich. Bald kamen auch an den Timmendorfer Strand Flüchtlinge: wir nahmen eine Familie aus Ostpreußen auf.”

Gerhard Eggers, Sohn des gleichnamigen letzten Besitzers von Weitendorf-Hof ließ mir seine Erinnerungen auf meine Nachfrage per E-Mail zukommen:

Mein Beitrag zu Ihrem Projekt kann nur schmal ausfallen : Ich bin am 7. November 1939 (in Wismar) geboren und habe deshalb naturgemäß nur wenige und leider unzusammenhängende Erinnerungen an die unmittelbare Nachkriegszeit. Jedoch gibt es andererseits Vorkommnisse, die sich mir vielleicht umso mehr eingeprägt haben - wenngleich weniger als Vorgänge denn als Bild.
"Enteignung" bedeutete für die betroffenen Gutsbesitzer unmittelbar, dass sie mit ihren Familien kurzfristig ihr Gut zu verlassen hatten. Es war erlaubt, persönliche Habe mitzunehmen. Die genauen Bestimmungen hierzu kenne ich nicht. Nach den Erzählungen, an die ich mich erinnere, wurde eine Frist von 24 Stunden gesetzt, und es durfte ein landwirtschaftlicher Anhänger mit Hab und Gut beladen mitgenommen werden. Jedenfalls wurde in großer Eile - aber doch umsichtig, wie sich im Nachhinein zeigte - ein sogenannter Gummiwagen hoch beladen. Obendrauf lag ein großer, grauer Wollteppich. Mein Vater war in Kriegsgefangenschaft, so dass alle Verantwortung für unser Wie und Wohin bei meiner Mutter lag. Sie wurde dabei von Mitarbeitern des Gutes (vor allem wohl dem sog. Statthalter Höppner) tatkräftig unterstützt, bis zur Vertreibung in Angelegenheiten der Wirtschaftsführung wohl besonders von Herrn Haland. Die auf dem Wagen befindliche "bewegliche Habe" , vor allem Möbel, wurde nach Wismar geschafft und dort irgendwo untergebracht. Meine Mutter und ich fanden Zuflucht im Hause meiner Großmutter, Anny Eggers geb. Flügger, in Wismar, Burgwall 19(?). Dort wohnte auch schon meine Tante (ebenfalls)
Anny Messerschmidt, geb. Eggers, mit ihrem kleinen Sohn Eckhard. Ihr Mann, Helmut, war Ingenieur und hatte wohl ausgerechnet in Verbindung mit der Flugzeugfertigung gearbeitet. Eines Morgens fuhr eine Art Lieferwagen vor, und mein Onkel Helmut wurde "abgeholt", wie man es bezeichnete. Das konnte ich nun gar nicht begreifen, aber ich erinnere mich doch daran, dass die Erwachsenen bei aller Sorge nicht gerade überrascht waren. Mein Onkel ist bald darauf in einem Haftlager umgekommen. Im Hause Burgwall 19 hatten russische Soldaten Quartier bezogen. Sie waren oft laut, es wurde getrunken und gesungen. Ich musste zuweilen bei diesen "Festen" dabeisein - vermutlich nicht auf Wunsch der Soldaten, sondern für Mutter und Tante wegen der Zudringlichkeiten der "Befreier". Einer der Soldaten hat mir einmal einen Ledergürtel geschenkt. Der Gürtel passte mir, also nicht ihm. Ich habe das "Geschenk" gleichwohl lange Zeit sehr geschätzt. Aus dem Verhalten der russischen Soldaten (die wilden Radfahrer und die Uhrenräuber einmal außer Acht gelassen) in der Stadt ist mir in lebhafter Erinnerung, wie sie gelegentlich in mehr oder weniger ungeordnetem Zug durch die Straßen marschierten und dabei oft das "Leberwurstlied" sangen oder grölten. Das Lied hatte sicher nichts mit Leberwürsten zu tun, es hatte aber einen Refrain, der - für deutsche Kinderohren - das Wort "Leberwurst" enthielt. Darüber konnten wir Kinder uns recht amüsieren. Im übrigen flößten die russischen Soldaten auch mir als Kind Furcht ein - nicht eigentlich aus eigenem Wissen sondern wegen des Verhaltens und der offenkundigen Angst der Erwachsenen. Solche Angst überträgt sich ja auf ein Kind : Im Frühjahr 1945, noch vor dem 8. Mai, sollte ich meine Mutter in ein Lazarett in Wismar begleiten, um dort wohl einen verwundeten Bekannten zu besuchen. Ich hörte, dass im gleichen Raum auch ein englischer Soldat untergebracht sei und wollte deshalb nicht mitkommen. Ich hatte große Angst vor dem Engländer, weil ich ihn mir als ein löwenartiges Tier vorstellte.
Für die vertriebenen Gutsbesitzer-Familien gab es Beschränkungen hinsichtlich der Dauer und des Ortes ihres Aufenthaltes. Die Einzelheiten kenne ich nicht. Meine Mutter schloss sich mit mir einer Gruppe an, die des Nachts über die sogenannte grüne Grenze ins benachbarte Schleswig-Holstein fliehen wollte. (Dieses möchte ich als "Flucht" bezeichnen, weil wir in unserer Heimat ja nicht mehr gelitten waren, aber das russische Besatzungsgebiet doch nicht verlassen durften. Die Ausweisung aus dem Gut war dagegen eine Vertreibung.) Über die näheren Umstände der Flucht weiß ich nur, dass die Gruppe aus vielleicht einem Dutzend Personen bestand. Wir sammelten uns auf einem Hof im Dorf Lockwisch - ein Name, der mir sonst nichts bedeuten kann, den ich aber wie einen Inbegriff von Verlockung, Abenteuer und Angst verinnerlicht habe. Oberstes Gebot war wohl Stille, alles vollzog sich geheimnisvoll, verschwörerisch, ruhig. Irgendwo in einem waldigen Gelände lagerte und wartete die Gruppe später auf ihren "Führer", der sie über die Grenze führen würde. An das stille, angstvolle Warten entsinne ich mich, aber weder an einen Führer (der muss ja gekommen sein), noch an eine Grenze, noch an unsere erste Unterkunft jenseits der Grenze. In umgekehrter Richtung habe ich diese Grenze das erste Mal Ende der 70er Jahre gemeinsam mit meiner Frau und unseren beiden Söhnen überschritten. Wir galten, da Einwohner des Landkreises Hannover, als Bewohner des grenznahen Gebietes und durften einen Tagesbesuch in der DDR (unter Zahlung eines Mindestumtausch-Geldes und Erduldung der lächerlich-schikanösen Kontrollen) beantragen. Mein Poel habe ich nicht wiedergefunden, eine Wehmut gleichwohl - oder erst recht ?

Irmgard Lehmbecker, geb. Schulz, Tochter eines Fährdorfer Gutsbesitzers ließ mir ihre Erinnerungen an das Kriegsende ebenfalls per E-Mail zukommen:

Meine Erinnerungen an 1945
Mein Vater war als Reserveoffizier in Schwerin und konnte zum Wochenende nach Hause kommen. Dass bedrohliche Zeiten bevorstanden, war mir bewusst. Im Laufe der vergangenen Monate hatten wir viele Menschen in unserem Hause aufgenommen. Verwandte aus dem Osten und natürlich kamen auch Flüchtlingstrecks, die teils weiterzogen, oder auch dablieben. Jedenfalls war das Haus voll. Mein Vater plante, auch einen Treck auszurichten. Ein Gummiwagen – oder waren es zwei ? - wurden beladen mit Nahrungsmitteln, jede Menge Gepäck und über die Ladefläche Teppiche gespannt als Dach. Wir waren sehr warm angezogen, wohl auch, um mehr Kleidung mitzubekommen, und ich fand das alles sehr spannend und wartete darauf, dass es losginge. Dann aber wurde alles abgeblasen. Leider weiß ich nicht, warum.
Etwa 2 Tage später verließ doch ein Treck unseren Hof. Meine Eltern, meine kleine Schwester und ich (die vierte) blieben auf dem Hof.
Vor allem unsere Verwandten drangen darauf, wegzukommen, vielleicht auch noch andere Flüchtlinge. Meine drei älteren Schwestern sowie zwei junge Offiziere, die sich zur Erholung nach einer Verwundung in Fährdorf aufhielten, sollten vor den Russen in Sicherheit gebracht werden. Das muss wohl Ende April/Anfang Mai 1945 gewesen sein.
Ein schlimmes Erlebnis war dann, dass die Polen (es waren wohl Kriegsgefangene, die in der Landwirtschaft gearbeitet hatten) kamen und Essen und Trinken forderten. Meine Mutter musste Spiegeleier in Massen braten. Bald waren die Eindringlinge betrunken, so dass meine Eltern das Haus verließen und sich – wie wir Kinder – auf dem Heuboden versteckten. Was wir nach Abzug der Meute vorfanden war geradezu schrecklich. Alles durcheinander gewühlt, große Spiegel zerschlagen, Schüsse in die Wanduhr und die Wände, vieles zerstört oder mitgenommen.
Wie dann unser tägliches Leben verlief, weiß ich nicht mehr. Mein Vater wird sich so normal wie möglich der Landwirtschaft gewidmet haben.
Das Haus war immer noch von Flüchtlingen gefüllt, jeder hatte nur die nötigsten Räume zur Verfügung.
An den ersten Kontakt mit Russen kann ich mich auch nicht mehr erinnern, wohl spürte ich das Aufregende und auch Angst, sicher durch Gerüchte hervorgerufen. Immer noch die dumpfe Spannung oder Angst bei jedem Auto, das auf den Hof kam.
Im Laufe des Sommers wurden wir immer wieder von Russen heimgesucht. Manchmal war der Kommandant dabei, eine Zeit lang war es ein sympathischer Mann, mit dem sich mein Vater länger unterhielt. Wie??? Das kann ich nicht sagen.
Oftmals durchsuchten die Russen das ganze Haus oder forschten auch im Garten nach vergrabenen Gegenständen, indem sie mit Säbeln, Degen oder anderen spitzen Gegenständen in den Boden piekten. Jeder Russenbesuch löste natürlich bei den Frauen Angst aus. Sie versteckten sich, um Vergewaltigungen zu entgehen. Einmal liefen wir mit meiner Mutter durch den Garten weiter in ein Luzernefeld. Meine kleine Schwester blieb nahe bei ihr und machte Geschrei, was die Russen veranlasste, sich abzuwenden. Man sagte, sie seien kinderlieb und kleine Kinder seien der beste Schutz.
Aufregend waren die nächtlichen „Besuche“. Sie drangen auch gewaltsam ins Haus ein und hantierten mit Waffen vor unserer verschlossenen Schlafzimmertür.
An einem sonnigen Septembertag kamen wieder einmal die Russen und durchsuchten Haus und Garten, und dann schließlich hieß es, sie würden meinen Vater mit nach Kirchdorf nehmen. So geschah es, und ich sehe uns, noch am Nachmittag an der Straße, die von Kirchdorf nach Fährdorf führt, auf die Rückkehr meines Vaters warten. Es kam schließlich eine große Kolonne von Männern, bewacht von Russen, zu Fuß – sie waren auf dem Weg nach Wismar – mein Vater in einer der ersten Reihen uns zuversichtlich zuwinkend, und wir konnten ihm noch einen frisch gebackenen Kuchen zustecken. Daraus schließe ich, dass meine Mutter wohl doch mit einer regelrechten Verhaftung gerechnet hat. Tagelang hielten wir nach ihm Ausschau, aber vergeblich. Irgendwie erhielt meine Mutter Kenntnis, dass er dann in Schwerin und schließlich in Neubrandenburg in dem Lager Fünfeichen gelandet war, wo er 1948 verstarb, was wir nie von offizieller Seite erfuhren.
Vor einigen Jahren besuchten wir einen ehemaligen Flüchtling, der in Fährdorf gelandet war und als Landarbeiter oder auch Siedler immer dort geblieben ist, dass der Wirt der Gastwirtschaft im Dorf meinen Vater denunziert haben soll.
Mittlerweile kam die Aktion der Enteignungen in Gang. Meine Mutter wurde gebeten, noch irgendwelche Aufgaben in der Betriebsführung zu übernehmen, so dass sich unsere Vertreibung noch bis Ende Oktober/Anfang November verzögerte, und wir durften zwei Gummiwagen voll Möbel etc. mitnehmen. Ich denke es waren unsere Arbeiter, die uns halfen, die Wagen zu beladen, und so verließen wir Fährdorf und fanden Aufnahme bei Freunden, der Weinhandlung Michaelis in Wismar. Dort war Platz für uns und unsere Sachen.
Doch nach vier Wochen, als das Gerücht kursierte, dass die enteigneten Gutsbesitzer nach Thüringen, in Wirklichkeit aber nach Sibirien umgesiedelt werden sollten, schlossen wir uns einer Gruppe von Leidensgenossen an und flohen unter abenteuerlichen Bedingungen nachts zu Fuß bei Schönberg durch die Palinger Heide in den Westen.

 

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