Adelige Familien auf Poel

Der Titel dieses Artikels ist eigentlich ein wenig irreführend, denn auf Poel gab es nie adelige Familien, die hier dauerhaft, d.h. über mehrere Generationen sesshaft waren. Es gab aber einige Vertreter aus mehr oder weniger bekannten Adelsgeschlechtern, die eine größere oder kleinere oder auch gar keine Rolle in der Geschichte der Insel spielten, hier teilweise aber lebten und auch starben. Bis auf einen Ortsnamen weist auf Poel heute nichts mehr auf die untenstehenden Familien hin. Im Folgenden soll kurz auf diese Personen eingegangen werden:

von Plessen

Am 22. November 1318 verkaufte der damalige Herzog Heinrich II. mit Billigung seiner Nichte Luitgard den Rittern Plessen, Preen und Stralendorff die Insel Poel sowie die Dörfer Friedrichsdorf, Alt Bukow, Rakow, Russow, Vorwerk, Warkstorf und Groß Strömkendorf für die Summe von 32.150 Mark wend. Münze. Ritter Helmold von Plesse war einer der Käufer der Insel. Er entstammte dem uradeligen Geschlecht von Plessen, welches sehr wahrscheinlich auf das gleichnamige Geschlecht von Plesse aus dem heutigen Südniedersachsen zurück geht. Die Plesse (das “N” im Namen kam erst später hinzu) waren eine der einflussreichsten Adelsfamilien im nordwestlichen Mecklenburg und verfügten offenbar über erhebliche finanzielle Mittel. Sie hatten umfangreichen Lehnbesitz und bekleideten auch diverse herzogliche Ämter. Sie waren Burgvögte, Kirchenstifter und gehörten zur führenden Schicht des herzoglichen Hofes. Das Geschlecht von Plessen blüht bis heute fort.

von Preen

Die Brüder Berthold und Gottschalk von Preen waren die zweite Partei, die 1318 Poel kauften. Gemeinsam mit den Plessen erwarben sie die Hälfte der Insel. Die andere Hälfte ging an die Stralendorffs. Auch die Preen gehören zum mecklenburgischen Uradel. Schon 1237 wird ein Ritter Henricus Preen urkundlich erwähnt. Die heutige Wüstung Preensberg zeugt von der Aktivität der Familie zur damaligen Zeit. Die Preen hatten umfangreiche Besitzungen. So besaßen sie schon 1313 Steinfeld, 1320 Gnemern, 1368 Bandelsdorf, 1372 Wehnsdorf und seit 1318 einen Teil der Insel Poel. 1523 gehörten die Preen auch zu den Mitunterzeichnern der Landständischen Union. Die Preen, wie auch die Plessen und Stralendorff wohnten nach dem Kauf der Insel nie selbst dort. Vielmehr hatten sie ein rein finanzielles Interesse an der Insel. So verkauften die Familien in Folge immer wieder einzelne Hufen und auch ganze Dörfer an die Lübecker Kirche, die dadurch immer mehr Einfluß auf Poel bekam. Die Familie v. Preen existiert noch heute.

von Stralendorff

Der Ritter Friedrich von Stralendorff und die Söhnen des weiland Heine von Stralendorff d. J. waren die dritte Partei des Insel-Kaufs. Sie erwarben die andere Hälfte Poels. Die erste urkundliche Erwähnung dieses uradeligen Mecklenburger Geschlechts fällt in das Jahr 1217. Die Stralendorffs brachten es wie die Preen und Plessen zu beachtlichem Grundbesitz in den Ämtern Buckow, Lübz und Grevesmühlen. Über 600 Jahre war Gamehl in der Gemeinde Benz Stammsitz der Familie, bis auch sie 1945 enteignet wurde. Im Jahr 2000 wurde der alte Stammsitz von der Familie zurück erworben und aufwändig restauriert. Heute ist es ein Hotel. Neben der Mecklenburgischen gab es auch noch eine Dänische und eine Österreichische Stralendorff-Linie. Auch die Stralendorffs verkauften nach und nach ihre Poeler Besitzungen und machten sie so zu Geld. Erst im Jahr 1615 verkauften sie ihre letzten auf Poel bezogenen Rechte an Herzog Adolf Friedrich I.

von Oertzen

Der Landrat Hellmuth Friedrich von Oertzen war ab 1727 Besitzer des nun nach ihm benannten Oertzenhofes. Jedoch wohnte von Oertzen nie auf der Insel, sondern verpachete seinen Poeler Besitz. Agnese von Heinen (siehe unten) war bis 1750 die letzte Pächterin des Oertzenhofs. Nach ihrem Tod wurde dieser an die schwedische Krone verkauft. Auch die Familie v. Oertzen gehört zum mecklenburgischen Uradel. Die weitverzweigte Familie hatte umfangreichen Besitz in ganz Mecklenburg . Viele Familienmitglieder waren Personen des öffentlichen Lebens. Sie waren Politiker, Militärs, Professoren und Naturforscher, Juristen und Journalisten, Schriftsteller und Schauspieler. Stammsitz der Familie ist das Gut Roggow bei Rerik. Hier wohnte die Familie seit mindestens 1345 für 600 Jahre, bis sie 1945 durch die Bodenreform enteignet wurde. Nach der Wende wurde das Herrenhaus Roggow von der Familie zurückerworben und saniert. Seither sind die v. Oertzen wieder auf ihrem alten Stammsitz wohnhaft.

von Graevenitz

Carl Wolter von Graevenitz entstammte dem gleichnamigen altmärkischen Uradelsgeschlecht, welches wohl auf den 1290 erwähnten Hennekinus de Grebenitz zurückzuführen ist. Ende des 16. Jahrhunderts kam mit Joachim v. Graevenitz ein Vertreter des Geschlechts nach Mecklenburg und erwarb das Gut Dodow bei Hagenow. In Folge kamen noch weitere Besitzungen in Mecklenburg hinzu, wovon sich die Güter Dodow und Waschow bis zur Enteignung 1945 in Familienbesitz befanden. Carl Wolter war ein Sohn des Herzoglich-Mecklenburgischen Oberforstmeisters Ulrich v. Graevenitz. In der Zeit von etwa 1739 bis 1749 war Carl Wolter v. Graevenitz Pächter und auch Amtmann des schwedischen Teils der Insel. Fünf seiner Kinder kamen in dieser Zeit auch auf Poel zur Welt. Offenbar war v. Graevenitz - wie wohl die meisten Amtmänner - bei den Poelern unbeliebt. Jedenfalls existieren noch eine Menge an Klageschriften und einschlägiger Unterlagen diesbezüglich im Wismarer Stadtarchiv. Letztlich floh v. Graevenitz von der Insel, eine Menge Schulden hinterlassend. Sein weiterer Verbleib ist mir bisher nicht bekannt. Übrigens: Carl Wolters Bruder Carl Leopold v. Graevenitz hat einen berühmten Nachfahren: Altbundespräsident Richard v. Weizsäcker!

von Lützow

,,Die Frau Rittmeisterin v. Lützow geb. v. Bülow lieget hier in der Kirchen in dem Gewölbe vorm Chor begraben“ verzeichnet das Poeler Kirchenbuch unter dem 10. August 1750. Bei der Verstorbenen handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Helena Elisabeth, geb. v. Bülow, einer Tochter des Adam Achatz v. Bülow aus dem Haus Potremse-Essenhausen und Nichte von Sabina Elisabeth v. Bülow (siehe nächster Artikel). Sie war die zweite Ehefrau des Rittmeisters und Erbherrn zu Wölzow Egyidus Barthold v. Lützow. Sie und ihr Mann waren die Schwiegereltern von Carl Wolter v. Graevenitz. Die Lützows gehören ebenfalls zum Mecklenburger Uradel. Ihr Stammsitz war Dreilützow, heute ein Ortsteil von Wittendörp.

von Bülow

Am 22. Februar 1741 wird in Kirchdorf - wohl in der Kirche - die,,die Wohlgeborene Frau Sabina Elisabetha von Bülow auß dem Hause Gartow im Lüneburgischen“ beigesetzt. Sie war die Witwe des am 11.05.1724 zu Brunsrode verstorbenen Christian Wilhelm v. Bülow auf Brunsrode und eine Tochter des Majors a. D. Christopher v. Bülow auf Gartow sowie die Tante von Helena Elisabeth v. Lützow, geb. v. Bülow. Sie entstammte somit einem der ältesten, größten und bekanntesten Uradelsgeschlechtern Mecklenburgs. Schon 1229 lässt sich ein Godofridus de Bulowe urkundlich nachweisen. Viele Bülows waren hochrangige Militärs und Politiker, einige waren Bischöfe, andere Schriftsteller oder Juristen. Die Bülows brachten über die Jahrhunderte es zu einem gewaltigen Besitz. 1945 waren allein in Mecklenburg fast 10.000 Hektar Land in Besitz des weitverzeigten Geschlechts. Der sicher beliebteste und bekannteste Bülow war, so denke ich, Bernhard-Victor Christoph Carl von Bülow, der uns Steinlaus und Kosakenzipfel schenkte und besser bekannt war als Loriot...

von Heinen

Am 01. April 1750 starb in Oertzenhof Agnese Dorothea Maria von Heinen im Alter von 57 Jahren. Bis zu ihrem Tod war sie Pächterin des Oerzenhofs. Interessant ist das familiäre Umfeld von Agnese: Ihr Großvater und Stammvater derer v. Heinen war der Fürstlich-Mecklenburgische Kanzleidirektor und Geheime Rat Hans Albrecht v. Hein, Erbherr auf Gottin und Tellow. Getauft wurde Agnese v. Heinen am 01.11.1692 in Wölzow als Tochter des in dänischen Diensten stehenden Majors Albert v. Hein und dessen Gattin Dylliana Sophia, geb. v. Lützow. Agneses Vetter väterlicherseits war Albrecht Christopher v. Heinen (1651-1712), der als Generalmajor der Infanterie in dänisch-norwegischen Diensten stand. Er war Obrist des Bergenhüsischen Regiments, Kommandeur der Stadt und Festung Bergen sowie Erbherr auf Gottin und Tellow. Aufgrund seiner Verdienste wurde Albrecht Christopher in den schwedischen Adelsstand erhoben. Agneses Onkel mütterlicherseits war der ebenfalls in dänisch-norwegischen Diensten stehende General Barthold Heinrich v. Lützow (1654-1729). Dessen Söhne standen alle, bis auf einen auch in Königlich-Dänischen Diensten: Hans Ernst als Oberst, Jasper und Barthold Heinrich als als Majore.

Das Geschlecht v. Heinen starb zu Beginn des 18.Jahrhunderts in Deutschland aus.

Die hier abgebildeten Wappen stammen alle aus dem sogenannten Siebmacherschen Wappenbuch

Die Poeler kamen in ihrer Geschichte also auch ohne adelige Gutsherren zurecht. Vielleicht war das ja auch ein Grund mit, dass sich das Inselvölkchen stets Freiheit, Selbstbewußtsein und Zusammenhalt bewahrt hat... wer weiß?

 

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