Ausflug nach der Insel Pöl

 

ein Bericht von Conrad August Ackermann aus dem Jahr 1833 - erschienen in “Gesammelte Beiträge zur Kenntniß des Vaterlandes”

 

In dem Jugendalter, wo das weite Reich der Phantasie sich dem Sterblichen erschließt, zaubert man sich wohl bisweilen ein liebliches Bild von einem Fleckchen Landes, begünstigt von der Natur, abgesondert von der großen Welt und nur bewohnt von einigen kleinen Familien, die von dem Ertrage ihrer selbst bestellten Acker-Besitzungen mäßig, aber glücklich und friedlich leben.

Selbst handelnde Person in diesem Phantasie-Gemälde pflegt man wohl den Kreis seiner Lieben und einiger guter Nachbaren eng um sich gezogen, ein wahrhaft paradiesisch glückliches Still-Leben sich zu träumen, die Wirklichkeit vergessend.

So wenig Nahrung nun auch der Geist des Menschen in einer solchen Lage finden mag; so stimmen doch Gemüth und Herz nicht selten für eine solche Abgeschiedenheit, und kein Mensch darf sich schämen, wenn er Augenblicke hat, wo er gern bei solchen Bildern verweilt und sich darin verflochten zu sehen wünscht:

Zwar noch nie auf der, meinem Wohnorte Wismar so nahe gelegenen Insel Pöl persönlich anwesend, wußte ich bis jetzt denn doch aus mündlichen Mittheilungen so viel von dem kleinen Eilande, daß es zu wenig Romantisches darbiete, um für ein Leben, als meine Phantasie-Gebilde es darzustellen pflegten, zu genügen. Ein Verlangen nach dem Anblick einer, von der Natur paradiesisch ausgestatteten Gegend konnte es also nicht seyn, was mich zu einem kleinen Ausflug nach Pöl bestimmte, der Entschluß ist größtentheils dem Umstande zuzuschreiben, daß amz´tliche Verhältnisse (zu Redentin) mich mit dem einen Theile der Insulaner zusammen bringen und mir dabei schon oft die Unbekanntschaft mit der Localität ihres Wohnsitzes unlieb war.

Ueber das Motiv meiner Excursion habe ich mich nun ausgesprochen und wenn ich meine niedergeschriebenen Bemerkungen der Publicität übergebe, so geschieht es besonders, um dadurch zur Nachahmung zu reitzen und über einzelne gegenden in Mecklenburg, in der hier angedeuteten Beziehung, die Federn in Bewegung zu setzen.

Die Insel Pöl - wahrscheinlich von dem wendischen Worte Pol - welches eine Ebene heißt - benannt, liegt eine Meile nordwestlich von Wismar und ist auch am östlichen Ende von dem mit der Ostsee verbundenen Binnenwasser umflossen. Daß dieses Land (provincia Pule) früher nur eine Halbinsel gewesen, beweiset nicht allein eine Karte vom alten Mecklenburg, wonach Pöl östlich mit dem Festlande etwas verbunden ist, sondern die Benennung “Halbinsel” kömmt auch bei den Geschichtsschreibern vor.

Wer von der Landseite die Insel betreten will, nähert sich ihr auf einem von Gr. Strömkendorf dahin führenden weing befahrenen Wege, und würde man nicht hohe Pfähle gewahr, welche besonders bei hohem Wasser den Weg und die Fuhrt bezeichneten; so möchte man, bei seinem ersten Besuche und dem Anblick des Gewässers, geneigt werden umzukehren, zumal wenn man erzählen hörte, daß bei starkem Nord-West-Winde die Ueberfahrt lebensgefährlich ist und die Wellen schon Manchen mit Wagen und Pferden verschlangen. Ich meines Theils befuhr, bei heiterstem Himmel, der stillsten Luft und dem niedrigsten Wasserstande, das vor mir liegende Eiland, das mich, nachdem ich noch zwey lange Brücken - von denen die äußerste in der Mitte mit einer Zugbrücke versehen ist - passiert war, freundlich und friedlich aufnahm, ohne daß mir von der etwas zerstörten Franzosen-Schanze ein todbringendes schweres Geschütz den donnernden Rachen entgegen gestreckt hätte. Schon auf der zweiten Brücke begegneten mir zwey rothwangige Insulanerinnen, und wäre ich sonst auch noch über meine Annäherung an Pöl zweifelhaft gewesen, die Kleidung dieser Mädchen hätte mich, einen Wismarienser, nicht länger im Ungewissen gelassen.

Die schönen Leserinnen, welche nicht Gelegeheit hatten, meine Pölenserinnen mit ihren wohlschmeckenden geräucherten Aal in Wismar zu sehen, müssen nun mit folgender kurzen Beschreibung des Pölschen weiblichen Anzugs vorlieb nehmen.

Die Kopfbedeckung besteht in einer kleinen farbigen Mütze mit weißer steifer Striche; der bisweilen darüber gestzte Strohhut ist nach vorne weit geöffnet, und läßt das Gesicht frey; dahingegen ist die Stirne kaum sichtbar: mehrere breite oft zierlich gelegte Haarlocken bedecken sie ganz bis an das Auge; das farbige Halstuch erhält im Nacken so viele Falten, daß gerade in der Mitte gegen beide Schultern ein stumpfer Winkel gebildet wird, der den von der Sonne stark gebräunten Nacken zeigt; das Kamisol ist oben am Ausschnitt mit gleichfärbigen Zeuge wohl eine Handbreit umkrauset und überaus kurz in der Taille, so daß der lange Frauen-Rock, unten Handbreit mit hellfarbenem Kattun umgefaßt, sehr lang erscheint; bläuliche Zwickel-Strümpfe und seine Schuhe ohne Absätze machen die Fußbekleidung aus.

 

 

Die Männer auf Pöl habe auch etwas Eigenthümliches in der Kleidung und, etwa mit Ausnahme der Tagelöhner, welche auch nur im seltensten Falle geborne Pölenser sind, tragen sie dunkelfarbene bis oben geknöpfte Tuch-Oberröcke und städtische runde Filzhüte.

Beim Anblick der Inselbewohner gedachte ich der geschichtlichen Notiz, daß Heinrich Borwin I. um´s Jahr 1184 dies von seinen Ur-Einwohnern entvölkerte Land zuerst mit freien Teutschen besetzte.

Wer möchte zweifeln, daß jener Stamm sich auf Pöl erhalten, da die entlegene Oertlichkeit diese Propagation auch in den Stürmen der Zeiten begünstigte. Schwerlich ist der Stamm aber noch unverfälscht, wenn auch, der Regel nach, die Sitte beibehalten ward, wonach die Insulaner nur unter sich den Bund der Ehe schließen *

* Die Bevölkerung der Insel betrug im Jahre 1826 - 1530.

Die Angesehensten auf Pöl sind unter einander verwandt und verschwägert, und die Familien-Namen Lembke, Steinhagen, Ebert (Evers) und Wegener gehören zu den häufigsten.

Die Männer sind hier im Allgemeinen unstreitig schöner wie das weibliche Geschlecht, woran freylich die unvortheilhaft stehende weibliche Kleidung mit Schuld seyn mag, denn es finden sich allerdings einige recht hübsche Pölenserinnen, die nach Vertauschung ihrer recht feinen und reichen Anzüge sehr gewinnen und sich den Frauen vom Festlande wohl zur Seite stellen könnten. Daß ich dem weiblichen Geschlechte auf unserer Insel nicht daß sonst demselben gebührende Prädikat “schön” gezollt habe, wird mir vielleicht von mancher schönen Leserin verargt und von den erzürnten Insulanerinnen zu Hause gebracht werden; da mir nun nichts schrecklicher ist, als weibliches Zürnen gegen mich, so halte ich es für klüger, den gegen das ganze Geschlecht begangenen Unbill für ein Kind meiner üblen Laune zu erklären, und zu versprechen, bei besserer Stimmung galanter zu seyn. - Ich kehre zur Sache zurück.

Ist der Reisende die vorhin gedachte zweite Brücke passirt (zwischen beiden Brücken wohnt der Brückenwärter) so nimmt ihn Fehrdorff auf, und seine Aufmerksamkeit fesselt der große schöne Schulzenhof.

Rechts von Fehrdorff liegen am Ufer die Dörfer Malchow, (die Pölenser sprechen Maalchow) Vorwerk und Gollwitz; in gerader Richtung fort: das Dorf Niendorff, der Amts-Bauhof mit den Pertinenzien und Kirchdorff; links von diesem: Weitendorff, Brandenhusen, Wangern, Seedorff mit Neuhof, Timmendorff.

Gleich auf den ersten Anblick zeigt sich Pöl als ein flaches, weder bergiges noch steiniges, Land ohne Waldung. Einige sanfte Anhöhen benehmen die freie Aussicht über die ganze Insel, deren Boden vortrefflich ist. Schon die Alten nannten Pöl einen “Kohlgarten” und noch jetzt wird, neben allen Kornarten, viel Klee und weißer Kohl gebauet und letzterer im Herbste zu Boot nach Holstein geschifft. Die Pölenser haben auch im letzten Jahre eine reiche Erndte gehabt, nur in den von Kirchdorff nordöstlich belegenen Dörfern hat das Sommer-Korn etwas weniger gebracht.

Kirchdorff ist dem Reisenden interessant, theils wegen seiner romantischen Lage an dem friedlichen Gewässer, welches es mit Wismar in Verbindung setzt, und Kirchdorffs Ufer ruhig umspült, wegen der schönen Aussicht auf das ferne Wismar und das nahe gegenüber belegene, hinter hohen italienischen Pappeln fast versteckte Niendorff mit seiner schönen holländischen Windmühle; theils wegen seiner am südlichen Ende dem Wasser nahe belegenen mit Wall und Graben umgebenen Kirche und des daran grenzenden, weiter südlich noch, hart am Gestade belegenen Schloßbergs, der die Spuren einer schöneren Vorzeit trägt, indem die Ruinen eines kostbaren Schlosses, umgeben von mächtigen Wällen, noch sichtbar sind.

Ueberaus freundlich ist die, von der Kirche freylich etwas entlegene, Prediger-Wohnung. - Die Kirche selbst ist mehr wie eine gewöhnliche landkirche, mit einer orgel, zwar nicht groß und für den Charfreytag-nachmittag, wo fast alle Pölenser hineingehen, nicht geräumig genug, aber doch recht anständig erhalten und ehrwürdig. - Der Begräbnisplatz umgiebt die Kirche nicht; am entgegengesetzten Ende des Dorfes erblickt man den geräumigen Friedhof mit zahlreichen einfachen Grabpfösten.

Die Dörfer Weitendorff, Brandenhusen, Wangern und Seedorff haben eben keine andere Merkwürdigkeit, als etwa eine geschichtliche vor den übrigen Insel-Dörfern voraus: Um´s Jahr 1318, den 8. November, verkaufte Heinrich, Herr zu Mecklenburg und Stargard, mit Zustimmung seiner Nichte Luitgard, Tochter Johanns III. von Mecklenburg, welcher 1289 auf einer Lustfahrt bei Pöl mit seinem ganzen Hofstaat ertrunken war, Pöl mit dem Schlosse, Friedrichstorff, Alt-Buckow, Rackow, Russow, Vorwerck, Warckstorff und Gr. Strömkendorff an die Herren von Plessen, von Preen und von Stralendorff. Daß nun von diesen dem Gotteshause zum heiligen Geiste in Lübeck mehrere Dörfer auf Pöl überlassen wurden, und daß die oben genannten sich noch zu Anfang unsers Jahrhunderts im Besitze des gedachten Hospitals befanden, um´s Jahr 1802/03 aber wieder ein Eigenthum Mecklenburgs wurden, dieses hat geschichtliche Gewißheit.

Die ehemaligen “Lübischen Dörfer”, wie man sie zur Unterscheidung von den ehemaligen schwedischen Besitzungen auf Pöl zu nennen pflegt, sind auch jetzt, wo alles einem Herrn zugehört, in der Verwaltung getrennt. Die Verhältnisse sind freylich auch verschiedenartig; Die Hausleute in den ehemaligen Lübischen Dörfern sind Eigenthümer, Erbzinsmänner, sie geben einen Canon an Korn (Gerste) sie haben die Jagd. Dagegen sind die ehemaligen schwedischen Dörfer Pachtstellen. Die Jagd wird ebenfalls nur Pachtweise von den Hausleuten besessen und, beiläufig gesagt, von den Aalfischern zu Gollwitz, Vorwerck, Malchow und Fehrdorff, als treffliche Schützen, mit Erfolg exerziert.

Allemal war es bei der letzten Acquisition der Insel nicht unangemessen, die hiernach verschiedenen Dörfer, verschiedenen Behörden unterzuordnen, und so kam es denn, daß die ehemaligen Lübischen Hospital-Dörfer - denen der Ober-Schulze zu Seedorff unmittelbar vorsteht - dem Amte Redentin beigegeben wurden; das übrige Pöl aber sein Amt sowohl als Verwaltungs- wie als Justitz-Stelle (in Wismar) für sich behielt.

Ob in den sonst Lübeckschen Dörfern wirklich, wie behauptet wird, lübsches Recht gelte, ist eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten seyn dürfte, da es wohl nicht feststeht, daß ein ursprünglich Mecklenburgisches Territorium fremde Rechte erwirbt, bloß durch die temporär statt gehabte Eigenthums-Herrschaft eines andern Staats.

Wenn es aber nicht zu läugnen ist, daß es in einem so großen Zeitraume, wie derjenige ist, wo jene Dörfer dem heiligen Geist-Hospitale zu Lübeck, gehörten, sich Gewohnheitsrechte sanktioniren können, welche dem Mutterlande nicht eigen sind; so will ich mich auch keineswegs gegen jene Ansicht erklären und nur wünschen, daß die Frage gesetzlich festgestellt werde.

An Gewohnheiten, welche in die Rechtsverhältnisse der Bewohner eingreifen, fehlt es übrigens überhaupt nicht auf Pöl, und ich hebe hier besonders hervor, daß in jeder Familie schriftliche sogenannte Vergleiche bestehen, über die Gehöfts-Erbung, über die etwa eintretende Interims-Wirthschaft, über Altentheil und Abfindung der Geschwister aus den Gehöften, von denen jeder männliche Abgefundene unter andern ein gutes Pferd nebst Sattel und Zaum zu erhalten pflegt. Diese Vergleiche werden zwar in der Regel sehr pünktlich gehalten, veranlassen und erfordern aber doch auch bisweilen gerichtliche Einmischung.

Timmendorff, an der westlichen Spitze der Insel belegen, war der Endpunkt meiner ersten Tagereise, und die guten Bauersleute, bei denen ich dort einsprach, nahmen mich mit Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit auf, für die ich ihnen gerne hierdurch noch einmal danke. Kaum mit einander bekannt geworden, schwatzten wir treuherzig über ihre Verhältnisse und Eigen-thümlichkeiten, wobei mich die Naivetät der Mutter-Wirthin, mit welcher sie mir in dortiger Mundart die häufigen Schlägereien und Raufereien der Insulaner schilderte, nicht wenig ergötzte. Wäre unser Mutterchen Justiz-Amtmann auf Pöl, sie würde nach jedem, im Monat September zu Kirchdorff, gehaltenen Jahrmarkte, welches mit den gefährlichen Balgereien zu endigen pflegt, uns zu Genüge beweisen, daß sie das Richterschwert nicht umsonst trage.

Nach einem Trunke über alle Beschreibungen starken selbst gebraueten Biers, streifte ich noch am Abend bis zum Lootsen-Hause und sah mir die Gegend zu einem belohnenden Spaziergange für den folgenden Tag aus. Hart am westlichen Gestade liegt das massive Lootsenhaus von drey Wohnungen. Die des Gewässers kundige Männer haben, nach ihrem eigenen Bekenntnisse, in diesem Jahre eine reiche Ausbeute, da die Schiffahrt durch den Getreide-Handel recht belebt ist.

Mein Blick schweifte nach Westen, wo bald die scheidende Sonne den Ocean durch ihren Abschiedskuß vergoldete und gleichsam ins Meer tauchte.

An einem mächtig großen, mit einer schönen, aus dem alten Pölschen Schlosse stammenden, Steinplatte belegten Tische im freundlichen, hellen Zimmer, nahm ich meine kleine Abendmahlzeit ein und legte mich dann zur Ruhe in einem mit reinlichem Bettzeug versehenen Bettschrank, den ich vorhin, ehe sich seine Pforten mir geöffnet hatten, für einen Kleiderschrank oder dergleichen, am wenigsten aber für ein Bett gehalten. Der Mond beleuchtete die Wände meines Zimmers und Milliarden-Fliegen summten mich in den Schlaf. Beim ersten Sonnenstrahl aber, wie diese schwarze Schaar mich in meinem Schlupfwinkel entdeckte, ließ sie es sich auch recht eifrig angelegen seyn, mich zu beunruhigen; ja die Zudringlichen ließen im Vereine mit einer ganz benachbarten Henne und deren vielen Küchlein nicht ab, mich so lange zu quälen, bis ich, durch die sich nun auf der Tenne erhebenden Dreschflegel-musik fast zur Verzweiflung gebracht, jeder Ruhe entsagte und mich erhob. Kaum hätte ich meine Abends auf den Stuhl zierlichn hingelegte Wäsche wieder erkannt, so unbeschreiblich lustig hatten sich die geflügelten stechenden Gäste dabei gehalten. Ich hatte nun nichts eiligeres zu thun, als diesen Peinigern die Fenster, der jungen pfeifenden Brut aber mit der sich kraus machenden Mama die Thüre zu zeigen und ihnen die Ausgänge zu öffnen.

Alle diese ärgerlichen Auftritte hatten in mir eine Stimmung hervor gebracht, die mich beinahe dahin geführt hätte, meine ganze Lieblings-Idee wieder aufzugeben, nämlich diese: einmal wieder das Geschäft meiner Väter zu ergreifen und ein Bauer zu werden. Als ich aber das Freie erst betreten hatte, die frische Morgenluft einathmete, und, auf meiner kleinen Wanderung, hier Viehheerden, dort Erndte-Arbeiter erblickt hatte, da stimmte ich wieder in das Lob des Landlebens.

Zwey von Wismar kommende Schiffe nahmen meine Aufmerksamkeit in Anspruch, sie fuhren, bei der Windstille, langsam gegen Osten, und ich beklagte die Schiffenden im Stillen, daß sie den Umweg um Pöl hatten machen müssen, da ihnen das Ziel ihrer Reise schon um einige Stunden näher lag; das Wasser zwischen dem Festlande und Pöl aber nicht schiffbar ist und sie also die Insel umschiffen müssen.

Vom Timmendorfer Ufer sieht man die ganze Küste des Festlandes, von Wismar bis zum Klützer Ort, wo den kein Land weiter sichtbar wird. Am Ufer unserer Insel, welches bald gelb, bald weiß erscheint, wird übrigens bisweilen etwas Bernstein gefunden.

Nach einem kurzen Besuche beim wackern Oberschulzen St. zu Seedorff fuhr ich hart am Amts-Bauhofe vorbei, wo dann wieder die Liebe zum Landleben recht rege ward in mir, trotz der Timmendorfer Fliegen. Wachend träumte ich mich hier als Amtmann und Alleinherrscher auf ganz Pöl, und war schon überglücklich in dem Gedanken, auf diesen fetten, gesegneten Fluren, welche kürzlich aufs Neue verpachtet sind, zu säen und zu erdten, den biedern Pölensern aber Rathgeber, und Helfer, Richter und Freund zu seyn, da führte ein derber Stoß meines Wagens mir die nackte Wirklichkeit vor Augen und ich eilte im raschen Trabe nach Gollwitz.

Ehe man dorthin gelangt, hebt sich das Land mehr und mehr und die Anhöhe verspricht eine freiere Aussicht auf die offene See. Meine Erwartung war nicht getäuscht; so reizend die Gegend bei Kirchdorff ist, mit seiner Aussicht nach Wismar, denn dort hat das Gewässer den Charakter eines lieblichen Landsees; so majestätisch schön ist hier vor dem wieder tiefer liegenden Gollwitz der Anblick der Ostsee, auf deren Spiegel sich Schiffe langsam bewegten. Ich wünsche den Schiffenden “gute Fahrt” nach und ergötze mich nun an dem von der Abendsonne herrlich beleuchteten Ufer des Festlandes, welches mein Auge von Wustrow und Alt-Gaartz an bis nach Wismar überblickte, und worauf Dreveskirchen und Dahmeckow, letzteres mit seinem Lusthäuschen, freundliche Ruhepunkte bilden.

Von Gollwitz wende ich mich, um über Vorwerck und Malchow nach Fehrdorff und dann nach Wismar zurück zu kehren.

Bevor ich aber das liebe Eiland verlasse, wende ich noch einmal meinen Blick auf seine jetzigen Bewohner und auf einen Theil seiner Geschichte.

Die Sage der Vorzeit, daß auf Pöl keine Ratten leben könnten, und die Wismarienser sich Erde von der Insel in die Häuser hätten bringen lassen, um das Ungeziefer dort zu vertreiben, klingt drollig genug.

Die Pölenser sind, wie fast alle Insel-Bewohner, groß und kräftig, und ich fürchte eben nicht, daß der fleißige Branntwein-Genuß sie entnervt und erschlafft, wenigstens zeigen sie bei ihren Schlägereien, daß sie viel leisten und viel aushalten können. Es ist über alle Begriffe, wie zerschlagen sie oft von ihren Lustbarkeiten heimkehren. Dieses bringt sie nun in den Verruf der Rohheit und Wildheit, wovon man aber sonst nichts bei ihnen antrifft; es äußern sich sogar Kennzeichen besserer Aufklärung und Bildung, wie bei andern Landbewohnern, und Biederkeit ist die Hauptfarbe in dem von ihnen zu liefernden Bilde. Ihre arge Spiel- und Prozeßsucht, welche ihnen immer nachgesagt wurde, ist jetzt, wo der alte Reichthum dahin ist, sehr gelähmt. Der Krieg und die im Gefolge desselben gewesenen fast beständigen Einquartierungen, Lieferungen haben den Insulanern wehe gethan. Die Oertlichkeit gab den Franzosen Veranlassung, sich hier in ziemlichen Massen, bei den reichen Bauern einzulegen.

Dies giebt mir eine schickliche Gelegenheit, von früheren kriegerischen Auftritten zu reden.

Im Jahre 1348 fiel König Waldemar III. von Dännemark dem Herzog Albrecht von Mecklenburg ins Land, um ihn zu nöthigen, von der Belagerung des Markgrafen Ludwig von Brandenburg, Schwager des Königs, abzustehen. Der Herzog gab die Belagerung von Frankfurt auf, und traf die Dänen auf Pöl, wo sie alles verwüsteten. Er griff sie aber unvermuthet an und schlug sie dergestalt, daß sie eiligst zu Schiffe retirirten und eine große Anzahl dabei ertrank.

Als ferne im Jahre 1627 die nun Mecklenburg befreundeten Dänen den kaiserlichen zu Parchim das Feld räumten, hielten sie sich noch eine Zeitlang auf dem festen und sicheren Pöl. Bald verlangte aber der Kaiserliche Obrist von Arnim auch Pöl mit dem Schlosse, und Herzog Adolph Friedrich willfahrte gerne, um seine Unterwürfigkeit gegen den Kaiser immer mehr an den Tag zu legen.

Zur Zeit der Belagerung Wismars 1675, hielten die Brandenburger Pöl besetzt.

Das sonstige Schicksal unserer Insel ist dieses: im Jahre 1632 räumten die Herzöge von Mecklenburg dem Könige von Schweden unter andern auch vergleichsweise ein. Als aber Schweden im Jahre 1646 die jetzige Herrschaft Wismar als Eigenthum verlangte, wollte Herzog Adolph Friedrich I. durchaus nicht einwilligen, er nannte diese Besitzung sein Kleinod, wovon er sich nicht trennen wollte. Der 1648 geschlossene westphälische Friede befriedigte aber doch Schwedens angelegentlichsten Wunsch: Wismar, Pöl mit dem kostbaren Schlosse, das Amt Neukloster, auch der Wallfisch wurden schwedisch.

Dem gegenwärtigen Jahrhundert, unserm jetzt regierenden Landesvater Friedrich Franz, war es vorbehalten, diese Herrschaft wieder zu acquiriren. Sie ist von 1803 an auf 100 Jahre an Mecklenburg verpfändet. Sollte sie wirklich um´s Jahr 1903, vielleicht von Friedrich Franz dem II., an Schweden zurückgegeben werden? So wie die politischen Verhältnisse Schwedens jetzt gestaltet sind, wird dort wohl nicht mehr an Einlösung gedacht. Möchte man die Gegenwart benutzen, und die unwiederrufliche Einverleibung in Mecklenburg zu Stande bringen.

Wer kann wissen, was die Zukunft bringt und erheischt?

 

 

 

(Text nach dem Original - die Grafik habe ich zur besseren Veranschaulichung eingefügt)

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