Brandenhusen

Das kleine Dorf Brandenhusen liegt abgelegen im Südwesten der Insel am Faulen See. Es ist nach Seedorf das kleinste Dorf der Insel - knapp 30 Menschen leben hier. Gegründet wurde Brandenhusen wie die meisten Poeler Dörfer im 13. Jahrhundert, als sogenannte Lokatoren im Auftrag des mecklenburgischen Fürsten Heinrich Borwin Kolonisten warben, um sie auf Poel anzusiedeln. Möglicherweise war ein Ritter namens Heinrich von Brandenhusen jener Lokator und auch Namensgeber des Dorfes. Er wird im Jahr 1254 erstmals erwähnt; zu dieser Zeit übte er die Grundherrschaft (!) über Brandenhusen und Seedorf aus. Im Jahr 1311 verkauft Konrad von Dotenberg - Erbe und mutmaßlicher Schwiegersohn des Heinrich von Brandenhusen die beiden Dörfer an das Heilig-Geist-Hospital (HGH) zu Lübeck. Somit gehörte Brandenhusen neben Seedorf, Weitendorf und Wangern für die nächsten Jahrhunderte zu den sogenannten “Lübischen Dörfern” und nahm mit diesen eine besondere Entwicklung:

So wurde Brandenhusen - wie die drei anderen “Lübischen Dörfer” auch - vom HGH verwaltet. Der von diesem jeweils eingesetzte Vogt leistete gemeinsam mit seinem Schreiber die eigentlich anfallende Verwaltungsarbeit. So bereisten der Vogt und sein Schreiber mindestens einmal jährlich die Besitzungen des HGH auf Poel und hielten vor Ort Gericht. Als Vorsitzender des Vogteigerichts in Lübeck gab er auch die nötige Zustimmung, den “Consenz” zu allen Besitz-veränderungen der Bauern, während der Schreiber die jeweiligen Protokolle und andere anfallende schriftliche Angelegenheiten erstellte. Die Verwaltung durch das HGH endete erst 1802, als die “Lübischen Dörfer” wieder unter mecklenburgische Verwaltung kamen.

Die Verwaltungsarbeit vor Ort erledigte der Oberschulze, welcher vom HGH eingesetzt und auch in Lübeck vereidigt wurde. Seinen Sitz hatte der Oberschulze über Jahrhunderte in Brandenhusen. Er erhielt seine Anweisungen aus Lübeck und musste auch regelmäßig Bericht dorthin ertstatten. Als Lokalverwalter übte der Oberschulze die niedere Gerichtsbarkeit aus und wurde bei schwerwiegenderen Vergehen, welche die hohe Gerichtsbarkeit betrafen, als Beisitzer hinzugezogen. Das Amt des Oberschulzen der lübischen Dörfer wurde über viele Generationen von Vertretern der Brandenhuser Familie Evers ausgeübt. Die Evers waren nach meinem bisherigen Kenntnisstand seit mindestens 1565 in Brandenhusen ansässig.

Brandenhusen bestand seit jeher aus nur zwei Hofstellen*. Die Inhaber dieser beiden Hofstellen sind ab dem Jahr 1519 durch alte Steuerlisten namentlich überliefert. Unter Zuhilfenahme anderer Quellen, wie Kirchenbücher, Akten usw. habe ich versucht, die Hoffolgen bis 1945 zu rekonstruieren. Untenstehend der Rekonstruktionsversuch für beide Höfe:

Lage der Höfe um 1877

1

der Faule See - heute Natur-schutzgebiet

2

Gehöft 2, dieser Hofkomplex existiert heute nicht mehr

3

Gehöft 1, der Hof des Oberschulzen; dieser Hof wurde wohl vor 1877 an diesen Platz verlegt. Zuvor lag dieser Hof vermutlich in unmittelbarer Nachbarschaft von Gehöft 2.

4

der “Köppenbarg”, einst der Richtplatz der Insel Poel

5

der Brandenhuser Haken

Gehöft 1 (Hof des Oberschulzen)

Dreves Louwe

1519-1526

 

Achim Hamm

1544-1550

Hat 3¾ Hufen Land

Achim Bernitt

1550-1569

Hausmann durch Heirat der Witwe von Achim Hamm

Claus Evers

1571-1599

er ist um 1539 in Brandenhusen geboren; er wird auf der Stelle schon einmal 1565 erwähnt, bevor er sie um 1571 übernimmt

N.N. Evers

?

für diese Generation(en) fehlen mir derzeit noch die Quellen

Peter Evers

1658

Oberschulze der Lübischen Dörfer; wohl Enkel des vorigen; er stiftet der Poeler Kirche in diesem Jahr einen noch heute erhaltenen 16-armigen Messingleuchter

Asmus Evers

bis ca. 1690

Oberschulze der Lübischen Dörfer, Sohn des vorigen

Peter Evers

1698

Oberschulze der Lübischen Dörfer, Sohn des vorigen

Jochim Schröder

1710-1716

Oberschulze der Lübischen Dörfer, Interimswirt

Peter Evers

1716-1744

Oberschulze der Lübischen Dörfer, Sohn von Peter Evers

Georg Friedrich Göttsche

1745-1770

Oberschulze der Lübischen Dörfer, Interimswirt, zweiter Mann von Peter Evers´ Witwe

Jochim Hinrich Evers

1770-1792

Oberschulze der Lübischen Dörfer, Sohn von Peter Evers

Peter Evers

1792-1809

Oberschulze der Lübischen Dörfer, Sohn von Peter Evers

Hans Daniel Evers

1810-1820

Hausmann und Schulze, Interimswirt, zweiter Mann von Peter Evers´ Witwe

Jochim Hinrich Evers

1820-1866

Hausmann und Schulze, Sohn von Peter Evers

Ernst Evers

1866-1881

Erbpächter und Schulze, Sohn des vorigen; er war der letzte Evers auf Brandenhusen

Karl Paetow

1890-1908

Größe des Hofes 1898/1908: 114,6 ha. Viehbestand 1908: 13 Pferde, 50 Rinder, davon 30 Kühe, 70 Schweine.

Pauline Paetow

1908-1910

Witwe des vorigen

Koch, Hans Hugo

bis 1913

Schwiegersohn der Paetows

N.N. Richter

1916

stammte von auswärts, nichts näheres bekannt

Hans-Henning Schneider

?

stammte von auswärts, nichts näheres bekannt

Rudolf v. Stosch

1919

stammte von auswärts, nichts näheres bekannt

Fritz Schmidt

1921

stammte von auswärts, nichts näheres bekannt

N.N. Deilmann

?

stammte von auswärts, nichts näheres bekannt

Theodor Kleingarn

1928

Größe des Hofes1928-1945: 108 ha, Viehbestand 1928: 12 Pferde, 58 Rinder, davon 25 Kühe. Gutsanlage: ehemals ein Dreiseiten-Hof

Joachim Kleingarn

bis 1945

Enteignung 1945

Gehöft 2

Marquardt Brincker

1519-1526

nichts näheres bekannt; evtl. nur Interimswirt

Carsten Buck

1544-1571

hat 2¾ Hufen Land

Carsten Buck

1571-1599

in Brandenhusen um 1534 geboren; wohl Sohn des vorigen; aufgrund der Namensgleichheit hat er den Hof mglw. schon vor 1571 übernommen

N.N. Buck

?

für diese Generation(en) fehlen mir derzeit noch die Quellen

Claus Buck

um 1690

ein Enkel des vorigen?

Christian Lembke

1698-1729

,,...gewesener alter Haußwirt...auf Buck Stelle in Brandhusen..” (Interimswirt?)

Clas Buck

bis 1740

Hauswirt, wohl Sohn von Clas Buck

Clas Buck

1740-1762

Hauswirt, Sohn des vorigen

Johann Steinhagen

1763-1772

Interimswirt, zweiter Mann von Clas Bucks Witwe

Clas Buck

1772-1781

Hauswirt, Sohn von Clas Buck

Erdmann Steinhagen

1782-1792

Interimswirt, zweiter Mann von Clas Bucks Witwe

Harm Beyer

1793-1801

Interimswirt, dritter Mann von Clas Bucks Witwe

Nicolaus Buck

1801-1802

Hauswirt, stirbt nach nur einjähriger Ehe; hinterlässt keine Erben

Johann Jochim Wegener

1802-1837

Hauswirt, aus Weitendorf; zweiter Mann von Nicolaus Bucks Witwe

Hans Wegener

1837-1867

Erbpächter, Sohn des vorigen

Hans Wegener

1870-1879

Erbpächter, Sohn des vorigen

N.N. Schröder

1890

stammte von auswärts, nichts näheres bekannt

Otto Eggers

bis 1930

Gutsbesitzer, stammte von ausserhalb; auch Besitzer von Weitendorf-Hof

Gerhard Eggers

1930-1945

Gutsbesitzer, Größe des Gutes: 61,7 ha; auch Besitzer von Weitendorf-Hof, Enteignung beider Güter 1945

* ein Hinweis auf eine in ganz alten Zeiten (vor 1519) bestehende dritte Hofstelle findet sich im Amtsregister von 1524. Dort heißt es zusätzlich zu den beiden anderen Höfen: “Titke Wilden erf ist wust”

Südöstlich des ehemaligen Oberschulzengehöftes, in Sichtweite des Brandenhuser Hakens liegt der “Köppenbarg”. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich hier um eine ehemalige Richtstätte der Insel Poel. Drei Hinrichtungen an dieser Stelle sind durch Quellen bisher belegt: So starben hier 1692 Hans Stolte und 1699 Lucie Bernitt einen qualvollen Feuertod auf dem Scheiterhaufen. Der dritte Fall ereignete sich im Jahr 1756: Am 27. April ”... ist Anna Ilsche Parlbargen, welche ihr uneheliches mit Clas Steinhagen erzeugtes Kind gleich nach der Geburt umgebracht und bey Wangern inß Waßer geworfen, alzuweit Branhusen allhier mit dem Schwerdt gerichtet ...”      

 

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