Die Poeler Pocahontas oder: wie kommt ein Mecklenburger zum Familiennamen COULTHARD?

Wer kennt sie nicht, die Geschichte der amerikanischen Indianerin Pocahontas, die im frühen 17. Jahrhundert duch die Engländer nach Europa kam. Dass sich eine ähnliche - weit weniger spektakuläre Geschichte einst auf Poel ereignete, ist sicher neu:

Es war auf der Insel Poel im Jahre 1799, als am 10. September in der Kirchdorfer Inselkirche ein Junge getauft wurde. Der Kleine war schon fast drei Jahre alt, als er vom damaligen Poeler Pastor Susemihl auf den Namen Niclas getauft wurde. Sein Vater war – so schreibt das Taufbuch der Poeler Kirchengemeinde – ein englischer Schiffskapitän namens Nicolas Coulthard; der Vorname seiner Mutter lautete Sophonisba. Sie war laut Taufbuch eine “Indianerin, welche gebohren ist auf Macassar”. Macassar liegt auf der indonesischen Insel Sulawesi! Der Vater war bei der Taufe mit Sicherheit nicht anwesend – warum? Dazu später. Ob die Mutter bei der Taufe anwesend war und ob sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch lebte – darüber verraten die Poeler Kirchenbücher leider nichts. Verheiratet waren die Eltern ohnehin nicht. Mit großer Sicherheit starb sie nicht auf Poel, denn im Sterberegister ist sie nicht vermerkt. Was aus ihr wurde, kann ich derzeit noch nicht sagen. Vielleicht hilft der Zufall hier eines Tages einmal weiter.

Nicolas war also ein “uneheliches Kind” ausländischer, ja für damalige Zeiten wahrlich exotischer Eltern aus einer völlig fremden Welt. Diese Kindstaufe erregte wohl deshalb einiges regionales Aufsehen, denn bei den Taufzeugen, die damals zugegen waren, handelte es sich um keine geringeren als den Wismarer Bürgermeister Karthaus (er besaß zu jener Zeit den Hof Timmendorf auf Poel, auf dem Niclas Coulthard geboren wurde), dessen Schwester Madame Jordan, welche den Landrat Hasse aus Greifswald vertrat und der später geadelte Oberapellationsrat Johann Christian (ab 1803 ,,von”) Koch. Koch war Prokurator am Wismarer Tribunal und später Justitiar der Ämter Poel und Neukloster, welche wie die Stadt Wismar zu jener Zeit zum schwedischen Königreich gehörten. (Wismar, Neukloster, Poel sowie Teile von Pommern mit Greifswald gehörten in Folge des 30jährigen Krieges ab 1648 bis Anfang des 19. Jhdts. zu Schweden).

Also ordentlich Regional-Prominenz bei Niclas´ Taufe!

Doch was wurde aus dem Kind? Ich habe mich jahrelang gefragt, ob er das Erwachsenenalter je erreicht hat, ob er selbst Familie hatte und was aus ihm wurde. Es ließ mir keine Ruhe, bis mir eines Tages der Zufall zur Hilfe kam. Als ich verschiedene Kirchenbücher im westlichen Mecklenburg aus eigentlich ganz anderen Gründen durchsuchte, stieß ich eines Tages auf einen Zimmergesellen namens Nicolas Coulthard im mecklenburgischen Örtchen Schönhof, Kirchspiel Mühlen-Eichsen. Das konnte kein Zufall sein! Ich strengte weitere Nachforschungen an und meine Neugier wurde belohnt. In der Tat war der Schönhofer Nicolas Coulthard eben der 1799 auf Poel geborene! Entsprechende Kirchenbuch-Einträge belegten dies. Er hatte also das Erwachsenenalter erreicht und auch eine Familie gegründet! Nicolas war zweimal verheiratet. Über seine erste Ehe weiß ich derzeit noch gar nichts. Seine zweite Frau aber hieß Dorothea Sophie Katharina Elisabeth, geb. Melahn. Aus dieser Ehe stammte mindestens ein Kind: Karl Coulthard. Auch Karl war Zimmermann bzw. Rademacher. Als Rademacher beherrschte er die Kunst, hölzerne Wagenräder zu bauen. Ein seinerzeit wichtiger und spezieller Beruf.

Karl Coulthard gründete 1879 durch seine Heirat mit Elisabeth (Elise) Prestin seine eigene Familie. Mit seiner Frau hatte Karl fünf Kinder, darunter den einzigen Sohn Hermann Ernst Karl. Über ihn wusste ich bis vor kurzem gar nichts – nur, dass er 1907 die aus Bülow bei Rehna stammende Marie Luise Elisabeth Steffen heiratete. Zum Zeitpunkt seiner Eheschliessung war er laut Rehnaer Kirchenbuch schon in Hamburg als Maurergeselle ansässig. Wie ich nun weiss, hatten Hermann und Elise zwei Töchter: Annemarie und Martha. Auch weiss ich nun, dass Hermann 1915, im schrecklichen Ersten Weltkrieg mit gerade einmal 35 Jahren fiel.

Nun aber nochmal zum englischen Kapitän Nicolas Coulthard: Woher stammte er und warum war er bei der Taufe seines Sohnes nicht zugegen? Ersteres konnte ich klären. Da Kapitän Coulthard auch die Ostsee durchfuhr, überprüfte ich unter anderem eine ganz besondere Quelle: das Öresund-Zollregister. Dieses Register verzeichnete seinerzeit alle Schiffe, die den Öresund bei Kopenhagen in Dänemark passierten. Die Schiffe wurden alle registriert, einschließlich der Kapitäne. Nun war es aber so, dass sich in den Listen kein Nicolas Coulthard fand, wohl aber ein David Coulthard. Auch eine weitere Quelle verzeichnete nur einen David Coulthard. Dieser David Coulthard fuhr im Zeitraum 1792-96 mindestens dreimal die Strecke Kopenhagen-Ostindien. Er war offenbar Kapitän in niederländisch/dänischen Diensten, was damals nicht ungewöhnlich war. Auf seiner letzten Fahrt 1796 fuhr er auch nachweislich Batavia an, die Stadt heißt heute Jakarta und ist die Hauptstadt Indonesiens.

Hermann Coulthard mit seiner Frau Elise und den beiden Töchtern Annemarie und Martha

Am 30.07.1796 wird David Coulthard in Kopenhagen mit seinem Schiff, der Fregatte “Minerva”, von Batavia kommend registriert. Hier passt nun plötzlich alles, bis auf den Vornamen David. Auch dies lässt sich einfach klären: Es kam oft vor, dass der taufende Pastor sich bei Namen und Daten vertat. Auch Pastoren waren nur Menschen und bei Taufen hatten sie die dicken Taufbücher selten dabei. Die Eintragungen wurden später getätigt und dabei passierten schon mal Fehler. Erst recht, wenn man wie in diesem Falle davon ausgehen darf, dass der Vater von Nicolas bei der Taufe nicht anwesend war und die Mutter, so sie denn zugegen war, mit Sicherheit kein Wort deutsch sprach. Kurz: Der im Taufregister der Insel Poel angegebene Kapitän Nicolas Coulthard hieß in Wahrheit David Coulthard! Ein Fehler des eintragenden Pastors! Auch war David Coulthard kein Engländer, sondern Schotte! David Coulthard stammte aus Annandale. Annandale ist kein Ort, sondern ein Tal in der schottischen Grafschaft Dumfriesshire in der Region Dumfries and Galloway im südwestlichen Schottland. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wurde David Coulthard 1756 im Mousewald, Dumfriesshire, Schottland als Sohn von William Coulthard und Margaret, geb. Sim geboren. William Coulthard war seinerseits ein Sohn von John bzw. Andrew Coulthard und dessen Frau Margaret Rome. William stammte aus dem Ort Graitney, Dumfriesshire, Schottland und wurde dort ca 1684 geboren. Sein Vater war der um 1637 geborenen John Coulthard.

Kapitän David Coulthard starb 1805 in Amsterdam, Niederlande, wobei sein Alter von 36 Jahren angezeifelt werden darf...

Wir wissen nun also, woher der Name Coulthard stammt und wie dieser Name nach Mecklenburg kam.

Doch wer war die Mutter von Nioclas, die im Taufregister als “Indianerin aus Macassar” angegebene Sophonisba? Wir wissen es nicht und werden es wohl nie erfahren. Auch nicht, warum sie an Bord der Fregatte “Minerva” war. Wie war überhaupt ihr Verhältnis zum Vater ihres Kindes? War sie seine Geliebte oder nur ein “Mitbringsel” aus einer exotischen Welt oder gar nur eine “Beute”? Warum setzte David sie vor ihrer Niederkunft auf Poel ab und fuhr weiter? Nach Liebe sieht das nicht aus... Letztlich kann man hier nur spekulieren; möglicherweise hat Coulthard sich seiner Gefährtin “entledigt”, als sichtbar wurde, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Fakt ist, dass er sie auf Poel zurückließ und weiterfuhr. Ich bezeichne Sophonisba so für mich als die “Poeler Pocahontas”, da ich zum Teil gewisse Gemeinsamkeiten in der Geschichte zu ihrem historischen Vorbild zu erkennen glaube...

Zusammenfassend können wir also folgendes feststellen:

Der 1799 auf Poel getaufte Nicolas Coulthard stammte zum einen aus einer alten schottischen Familie, die sich bis ins Jahr 1637 zurück verfolgen lässt; hatte aber auch indonesische Vorfahren, über die wir leider nichts weiter wissen.

Übrigens: der weltbekannte Formel-1-Rennfahrer David Coulthard stammt aus der gleichen Region wie sein oben genannter Namensvetter! Zufall oder weitläufige Verwandtschaft? Wer weiß...?

Dieser Artikel erschien auch im Magazin “Mein Mecklenburg”, Nr. 3 / 2013

 

zurück