Interessantes aus den Poeler Kirchenbüchern

Taufpaten geben in der Genealogie oft wichtige - manchmal entscheidende Hinweise auf verwandtschaftliche Beziehungen und sagen oft auch einiges über den sozialen Stand der Familie des Täuflings aus. Stammten beim “gemeinen Volk” die Taufpaten zumeist aus der Verwandt- oder Nachbarschaft, so kamen sie bei sozial höhergestellten Familien oft selbst aus einflußreichen und bedeutenden Familien. Untenstehend habe ich einige interessante Taufpaten aus den Poeler Kirchenbüchern mit biografischen Angaben zu ihnen aufgeführt :

1726 lässt der Theologiestudent und spätere Pastor zu Muchow, Bernhard Markus Rodbert seine Tochter in der Poeler Kirche taufen. Unter den Taufpaten befindet sich auch ein “Capitain von Stackelberg”. Wer war der Capitain?

Christian Wolmar v. Stackelberg entstammte einem (ursprünglich deutschen) baltisch-schwedisch-russischen Adelsgeschlecht. Er wurde am 06.11.1653 auf dem Rittergut Rotziküll an der Westküste der Insel Ösel (heute Saaremaa, Estland) geboren, das sich von 1610-1817 in Besitz der Familie v. Stackelberg befand. Er wird 1687 Volontär der Leibgarde, zieht 1688 nach Wismar und wird dort Zugführer im dortigen Garnisonsregiment. In den folgenden Jahren wird v. Stackelberg mehrfach befördert: 1701 zum Fähnrich, 1704 zum Leutnant, 1711 zum Oberleutnant und 1712 zum Hauptmann. Am 23.12.1715 wird er bei Stralsund gefangen genommen, kehrt erst im Juli 1719 heim und nimmt seinen Abschied vom Dienst. Christian Wolmar v. Stackelberg starb im März 1747. Verheiratet war er mit einer Tochter des kgl.-schwedischen Hauptmanns Gregorius Lindenfelt. Christian Wolmar v. Stackelberg war Vetter 1. Grades von Carl Adam Frhr. v. Stackelberg, der 1714 für die Verteidigung der schwedischen Festung Stade gegen Dänemark von Carl XII in den schwedischen Freiherrenstand erhoben wurde und auch Kommandant von Wismar war. Quelle: Genealogie Wofhart v. Stackelberg

1748 wird ein Sohn des damaligen Pächters des königlichen Amtes Poel, Carl Wolter v. Graevenitz getauft. Unter seinen Taufpaten ist u. a. “Vice Praesident Samuel v. Palthen”:

Samuel v. Palthen Der Sohn des Hofgerichtssekretärs Johann Palthen († 1708) und dessen Frau Dorothea, Tochter des Wolgaster Ratsherrn Michael Hoppe, wurde in Rostock geboren, wo seine Eltern während des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges Zuflucht gesucht hatten. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Greifswald zurück, wo er die Stadtschule und die Universität besuchte. Neben den Rechtswissenschaften studierte er Philosophie, Geschichte und schöne Künste. Nachdem er zwei Disputationen geführt hatte, setzte sein Studium an der Universität Jena fort. Nach einer Bildungsreise durch verschiedene Städte ließ er sich 1707 in Greifswald als Advokat nieder. Im selben Jahr wurde er Auditeur beim Regiment des Generalleutnants von Schulz und der Garnison in Stralsund. 1709 ging er als Kriegssekretär mit den schwedischen Truppen aus Pommern nach Polen. Die gleiche Funktion übernahm er 1710 beim Korps des Generals Ernst Detlof von Krassow (* um 1660; † 1714). Nach dem Rückzug aus Polen folgte er dem Generalleutnant von Schulz als Gouvernementssekretär nach Wismar. Nach der Eroberung Wismars durch preußisch-dänische Truppen 1716 ging er nach Schweden. Er wurde zunächst als geheimer Kommissionssekretär mit dem Herrn von Adlerfeld zu einer diplomatischen Mission an den dänischen Hof entsandt. Danach begleitete er den Baron von Trautvetter zu Verhandlungen im Vorfeld des Friedens von Stockholm nach Hannover, Berlin, Warschau und Dresden. 1721 wurde er zum Protonotar am Obertribunal Wismar ernannt. Im Jahr 1726 wurde er zum Assessor des Tribunals ernannt und zusammen mit seinem Bruder Jakob (1683–1743) in den Adelsstand erhoben. Von 1729 bis an sein Lebensende war er Vizepräsident des Tribunals. 1748 wurde er mit dem Nordstern-Orden ausgezeichnet. Quelle: Wikipedia

1796 wird der Sohn eines schottischen Schiffskapitäns getauft (siehe auch hier). Unter den Taufpaten findet sich auch ein “Oberappelationsrath Koch aus Wismar”:

Johann Christian v. Koch (* 6. Juli 1754 in Vilmnitz; † 31. März 1807 in Greifswald) war ein deutscher Jurist und Richter am Wismarer Tribunal. Johann Christian Koch, ein Sohn des Ehrenreich Christoph Koch (1714–1786), Pfarrer in Vilmnitz bei Putbus und ab 1754 an der Marienkirche in Wismar, wurde durch Hauslehrer unterrichtet und besuchte die Große Stadtschule Wismar. Ab 1773 studierte er an der Universität Göttingen und ab 1775 an der Universität Kiel. In Kiel disputierte er 1777 pro gradu. 1778 wurde er Prokurator am Wismarer Tribunal. 1789 wurde er zum Justitiar der Ämter Poel und Neukloster ernannt, die damals wie Wismar zu Schweden gehörten. 1794 wurde er Oberappellationsrat am Tribunal, mit dem er in den Jahren 1802 und 1803 zunächst nach Stralsund und schließlich nach Greifswald zog. 1803 wurde er in den schwedischen Adelsstand erhoben. Quelle: Wikipedia

1859 wird das neunte und letzte Kind des damaligen Poeler Pastors Theodor Hempel getauft. Unter den Taufpaten ist “Professor Franz Susemihl”:

Friedrich Franz Karl Ernst Susemihl (* 10. Dezember 1826 in Laage; † 30. April 1901 in Florenz) wurde als Sohn des praktischen Arztes Detlef G. Susemihl in der mecklenburgischen Kleinstadt Laage geboren. Nach häuslichem Privatunterricht besuchte er ab 1841 die Güstrower Domschule. Seit 1845 studierte Susemihl Klassische Philologie in Leipzig und Berlin. 1848 unterrichtete er als Lehrkraft am Domgymnasium in Güstrow, 1850 wurde er in Gießen zum Dr. phil. promoviert. 1852 übernahm Susemihl eine Stelle als Hilfslehrer am Schweriner Gymnasium und habilitierte sich für klassische Philologie in Greifswald. 1856 wurde er dort zum außerplanmäßigen Professor ernannt, ab 1863 berief ihn die pommersche Landesuniversität zum ordentlichen Professor. 1875 bis 1876 war Susemihl Rektor der Universität Greifswald. Bis 1898 übte er sein Lehrtätigkeit an der Universität aus, in den letzten Lebensjahren widmete er sich – fast erblindet – einer Attischen Literaturgeschichte, die unvollendet blieb. Susemihl verstarb während einer Erholungsreise in Florenz an einer Rippenfellentzündung. Er wurde auf dem dortigen evangelischen Friedhof beigesetzt. Franz Susemihl erwarb sich vor allem in Fachkreisen großes Ansehen als Übersetzer der Werke der griechischen Philosophen Platon und Aristoteles. Seine wissenschaftlichen Arbeiten umfassten bereits zu seinem 70. Geburtstag ca. 11.000 Druckseiten. In Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiet der klassischen Philologie ernannte ihn die preußische Staatsregierung 1892 zum Geheimen Regierungsrat. Als erster Universitätsprofessor engagierte sich Susemihl seit 1874 zudem für die Liberalen in der Greifswalder Stadtverordnetenversammlung. Seit 1846 war Susemihl Angehöriger des Corps Misnia Leipzig. Quelle: Wikipedia

1742 tauft der Poeler Pastor Johann Engelbert Schliemann sein drittes Kind. Einer der Taufpaten war “Doctor Georg Gustav Gerdes”:

Georg Gustav Gerdes (* 8. Januar 1709 in Wismar; † 1758 in Stettin) war ein deutscher Jurist und Historiker. Er gab mehrere Schriften zur Landesgeschichte Mecklenburgs und Pommerns heraus. Georg Gustav Gerdes war der Sohn des Joachim Henning Gerdes († 1725), Sekretär am Obertribunal Wismar. Er studierte an der Universität Helmstedt, wo er 1732 zum Doktor der Rechte promoviert wurde. Im selben Jahr wurde er Advokat und Prokurator am Obertribunal. Nachdem er 1743 Senator geworden war, ging er 1744 als königlich preußischer Justizrat und Stadtsyndikus nach Stettin. Er gab in den Jahren 1736 bis 1744 in Wismar eine Quellensammlung zur mecklenburgischen Landesgeschichte heraus. In Greifswald, wo er der Gesellschaft „Collectorum historiae et iuris patrii“ angehörte, gab er zusammen mit Augustin von Balthasar eine Schrift über Pommern heraus, die in zwei Ausfertigungen 1747 und 1756 erschien. Quelle: Wikipedia

Mehrfach erscheinen in den Poeler Taufregistern auch Mitglieder des mecklenburgischen Herrscherhauses! Man kann jedoch getrost davon ausgehen, dass diese Paten nicht persönlich bei den Taufen anwesend war, sondern die Patenschaft eher symbolisch übernahmen. Welche Gründe zu den Patenschaft führten, konnte ich leider nicht klären:

1899 wird der achte Sohn des Fährdorfer Arbeiters Johann Buchholz getauft. Pate stand u.a. “S. Hoheit, d. Herzogl. Regent Johann Albrecht in Schwerin”:

Johann Albrecht Ernst Konstantin Friedrich Heinrich, Herzog zu Mecklenburg-Schwerin, (* 8. Dezember 1857 in Schwerin; † 16. Februar 1920 in Schloss Wiligrad bei Schwerin) war vom 11. April 1897 bis zum 9. April 1901 Regent im Landesteil Schwerin, von 1907 bis 1913 Regent des Herzogtums Braunschweig und deutscher Kolonialpolitiker. Nach dem Tod seines Bruders, des Großherzogs Friedrich Franz III., übernahm Johann Albrecht im Jahre 1897 die Regierungsgeschäfte für seinen noch nicht volljährigen Neffen, Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin, und führte diese bis zu dessen 19. Geburtstag am 9. April 1901. Quelle: Wikipedia

1907 wird das siebte Kind (eine Tochter) des Arbeiters Heinrich Nöring aus Oertzenhof getauft. Eine ihrer Taufpaten ist “Alexandra, Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin”:

Alexandra Louise Marie Olga Elisabeth Therese Vera von Hannover und Cumberland (* 29. September 1882 auf Schloss Ort in Gmunden; † 30. August 1963 auf Schloss Glücksburg in Glücksburg) war ein Mitglied aus dem Haus Hannover und durch Heirat die letzte Großherzogin des Landesteils Mecklenburg-Schwerin. Am 7. Juni 1904 heiratete sie auf Schloss Cumberland in Gmunden den Erbgroßherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin (1882–1945), den einzigen Sohn des Großherzogs Friedrich Franz III. und der russischen Großfürstin Anastasia Michailowna Romanowa. Quelle: Wikipedia

1910 werden der vierte Sohn des Hofbesitzers Ernst Evers aus Wangern und 1911 der siebte Sohn des des aus Neuhof stammenden Knechts Ernst Röpcke in der Poeler Kirche getauft. Bei beiden Kindern findet sich unter den Taufzeugen kein geringerer als Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg!

Friedrich Franz IV., Großherzog von Mecklenburg-Schwerin (* 9. April 1882 in Palermo; † 17. November 1945 in Flensburg) war der letzte Großherzog von Mecklenburg-Schwerin und der letzte regierender Monarch in Mecklenburg. Er regierte vom Tode seines Vaters 1897 - zunächst noch bis 1901 unter der Vormundschaft seines Onkels Herzog Johann Albrecht bis zu seiner Abdankung am 14. November 1918.

 

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