Der stärkste Mann der Welt

Tausende Menschen standen Spalier und die Fahnen auf St. Pauli standen auf Halbmast, als am 28. Januar 1900 in Hamburg ein Mann zu Grabe getragen wurde, der noch lange über seinen Tod hinaus als eines der Hamburger Originale galt. Begleitet von mehreren Musikzügen wurde der Sarg des Verstorbenen zum Ohlsdorfer Friedhof überführt und dort unter großer Anteilnahme beigesetzt. Der Mann, den man an jenem Tage zu Grabe trug, war Emil Naucke.

Doch wer war Emil Naucke?

Emil Ferdinand Carl Naucke wurde am 02. Mai 1855 in Kirchdorf auf Poel geboren. Interessanterweise findet sich im Poeler Taufbuch kein Eintrag zu ihm - wohl aber im Taufbauch von Wismar, St. Nicolai. Da aber selbst in den ältesten Quellen, wie einem Artistenlexikon von 1895 Poel als Geburtsort angegeben ist, mag dies wohl letztlich auch stimmen. Nauckes Eltern waren der Wismarer Tabakspinner Carl Friedrich August Naucke, der in der Grünen Straße eine Tabakhandlung betrieb. Seine Mutter war die aus Kirchdorf stammende Catharina Sophia, geb. Hafften, Tochter des dortigen Schmieds Ludwig Hafften. Das Paar heiratete am 05.Mai 1854 und fast genau ein Jahr nach der Eheschließung kam Emil zur Welt. Schon bei seiner Geburt soll er einem zeitgenössischem Zeitungsbericht nach 17 Pfund gewogen haben. Drei Jahre später wurde Emils Schwester Caroline geboren. Naucke wuchs in Wismar auf und begann als Jugendlicher zunächst eine Bäckerlehre, bevor er sich im zarten Alter von 14 Jahren einer Artistengruppe anschloss. Als Berufsringer wurde Naucke in kurzer Zeit sehr bekannt und er schickte eine Reihe von seinerzeit bekannten Gegnern auf die Matte. Die meisten von Nauckes Gegnern scheiterten schlicht daran, dass sie den inzwischen über 200 kg schweren Mann nicht einmal umfassen, geschweige den zu Boden bringen konnten.

Emil Naucke bestritt als Ringer in den Folgejahren Kämpfe in England, Frankreich und den USA, was seine Popularität weiter steigerte. Überliefert ist ein Ringkamf im Zirkus “Renz”, in dem Naucke gegen den Franzosen Andre Christol antrat. Während Christol ständig versuchte, seinen inzwischen über vier Zentner schweren Gegner auf die Bretter zu zwingen, rief aus dem Publikum ein Zuschauer: “Naucke, holl di!”, also: Naucke, halt` dich! Kurz darauf rief der ganze Saal diesen Schlachtruf und Naucke gewann wieder einmal. Seine Unbezwingbarkeit im Ring endete erst im Kampf gegen den damals bekanntesten Berufsringer seiner Zeit Carl Abs, der Naucke in Sachen Popularität noch weit übertraf.

Sein Gewicht wurde zusehends ein Problem für Naucke und schließlich gab er die Berufsringerei 1893 ganz auf und wandte sich der Kraftakrobatik zu. Zu diesem Zeitpunkt wog Naucke bereits 235 kg. In den folgenden Jahren tourte er als “Stärkster Mensch der Welt” oder “Naucke - der Kolossalmensch” vor stets ausverkauften Sälen durch die Lande. Naucke, der schon seit 1890 seinen Wohnsitz in Hamburg hatte, durch seine ständigen Tourneen aber selten in der Stadt war, eröffnete 1896 dann sein eigenes Varieté am Spielbudenplatz. Sein Etablissement entwickelte sich schnell zu einem Publikumsmagneten, wo sich auch die “feine Gesellschaft” gern sehen ließ. Naucke, natürlich längst Star seines eigenen Varietés bot eine Mischung aus Kraftakrobatik, Humor, Parodie, Gesang, Slapstik und wechselnden Gästen, welche die Vorstellungen abrundeten. 

Einer von Nauckes häufigsten Partnern und Mitglied seines Ensembles war ein kleinwüchsiger Gesangskomiker namens Peter Hansen. Hansen war nicht einmal einen Meter groß und wog gerade einmal gute 22 Kg. Allein der Kontrast den beide boten, wenn sie die Bühne betraten, ließ den Saal toben. Zu den Kunststücken, die Naucke darbot, gehörten u. a. das Stemmen eines 106 kg schweren Eisengewichtes oder das Exerzieren mit einem 54 kg schweren Gewehr. Besonders berühmt wurde hierzulande seine Eisenkugel:

Die an einer eisernen Kette befestigte Kugel wog knapp 40 kg und Naucke schwenkte diese um seinen Körper, um sie zum großen Staunen de Publikums in die Luft zu schleudern und mit dem Nacken wieder aufzufangen. Bei all diesen Kraftakten war Nauckes Auftreten keineswegs plump; Zeitgenossen beschrieben seine Auftritte gar als elegant und grazil. Besonders skurril mögen auch sein Auftritte als Radartist, Seiltänzer oder als “Pauline vom Ballett” gewesen sein. In letzterer Rolle trat Naucke im Ballerinakostüm auf und die Zuschauer bogen sich vor Lachen. Überhaupt war Emil Naucke alles andere als ein tumber Kraftprotz. Im Gegenteil: Der nicht nur auf dem Kiez beliebte Mann wird als gebildet und gesellig und wohltäterisch beschrieben. So war es auch eine Wohltätigkeitsveranstaltung, die zu Nauckes letzter Vorstellung wurde. Am 24.Januar 1900 trat der “dicke Naucke” als Radartist in “Sagebiels Etablissement” auf. 

Auf einem Fest des Bundes Deutscher Radfahrer trat Naucke mit seinem Partner Peter Hansen auf. Nachdem die beiden in einem der Säle einige Runden gedreht hatten, fuhr Naucke in den Nachbarsaal. Er stieg ab und klagte über Unwohlsein. “Kinder, mir wird schlecht, ich glaube, ich muss sterben” sollen seine letzten Worte gewesen sein. Von Helfern noch in einen Nachbarraum gebracht, starb Emil Naucke kurz darauf an den Folgen eines Herzinfarkts. Er wurde nur 44 Jahre alt.

Emil Naucke war in seinen Körpermaßen in vielerlei Hinsicht extrem: So wog er bei einer Körpergröße vom 1,70 m 235 kg. Der Umfang seines Handgelenkes betrug 23 cm, der seines Oberarms 59 cm und der Umfang seiner Hüften 1,83 m - also mehr als seine Körpergröße! Sein großes Gewicht soll u. a. einmal dazu geführt haben, dass er durch den Boden einer Pferdekutsche brach und auf der Straße landete. Auch soll er auf Reisen stets Ziegelsteine dabei gehabt haben, mit denen er die Hotelbetten abzustützen pflegte. Ob Legende oder wahr, wer weiß...

Über Nauckes Privatleben ist nicht allzuviel bekannt. Er heiratete am 26.06.1879 die aus Vegesack (Bremen) stammende Johanne Adolphine Krone und hatte mit ihr mehrere Kinder. Namentlich bekannt sind die Söhne Emil Ferdinand Adolf (*1884) und Lars Peter Paul Hermann (*1893). Ferdinand, der ältere der beiden Söhne war Musiker, starb 1953 in Hamburg und wurde zusammen mit seiner Frau ebenfalls im Naucke´schen Familienbegräbnis beigesetzt.

Das Grab der Familie Naucke befand sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof, ursprüngliche Grablage war E 12 (19-22). Die Grabstelle ist allerdings schon vor vielen Jahren aufgelöst worden. Erhalten haben sich die Grabsteine, welche sich heute am Ohlsdorfer Friedhofsmuseum befinden. Interessanterweise ist auf Emil Nauckes Grabplatte der 25.01.1900 als Todestag angegeben.

Fotos der Grabsteine mit freundlicher Genehmigung von Birgit Putensen

 

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