Niendorf

Niendorf, in älteren Quellen auch Neuendorf genannt, liegt an der Straße von Fährdorf nach Kirchdorf und teilt sich in den nahe an Kirchdorf gelegenen älteren Dorfkern und das erst viel später entstandene Niendorf-Hof.

Das Dorf wurde, wie die meisten anderen Poeler Dörfer auch, von deutschen Kolonisten gegründet. Große Bedeutung hatte Niendorf als Standort der einzigen Poeler Windmühle. Zur Geschichte der Poeler Mühle hier einige Informationen:

Die Niendorfer Mühle

 Foto: Archiv Inselmuseum

Schon in frühester Zeit sind für die Insel Poel Windmühlen belegt. Schon um 1317 gab es offenbar zwei Windmühlen, von denen eine in Seedorf stand. Für das 16. Jhdt. sind keine Mühlen für die Insel belegt. Im Jahr 1615 erlaubt der Herzog den Fährdorfern dann einen Mühlenbau. Mit Beginn der Schwedenzeit wird diese 1648 zur Amtsmühle erhoben. 1728 brennt die Mühle ab. Den folgenden Mühlenbau lässt Müller Ziemsen im Jahr 1763 von Fährdorf nach Niendorf auf den Malchower Berg umsetzen. Im Sommer 1778 brennt diese Mühle durch Blitzschlag ab und es folgt nach Reparaturen ein weiterer Neubau um 1801. Hierfür wurde die letzte alte Bockwindmühle auf dem Malchower Berg abgerissen. Im Jahr 1897 brennt auch diese Mühle ab. Darauf baut der Rostocker Mühlenbauer Hofwolt eine neue Windmühle: Einen Galerieholländer, der gleich mit einer Dampfmaschine, später mittels Elektromotor betrieben werden konnte. So konnte auch unabhängig vom Wind gemahlen werden. Diese Mühle war seinerzeit eine der modernsten Windmühlen des Landes und blieb bis ins Jahr 1940 in Besitz der Müllerfamilie Metelmann. 1940 verkauft Müllermeister Ernst Metelmann die Mühle an Heinrich Hallier, der das Müllerhandwerk in der Stover Mühle erlernt hatte. Hallier lässt später noch die modernste Flügelanlage - Bilausche Ventikanten anbringen. Somit schaffte die Mühle dann 6 t am Tag. Aufgrund der veränderten politischen Lage in dem neu gegründeten Staat und den damit einhergehenden Repressalien gegenüber privaten Handwerksbetrieben verließ Hallier 1953 die DDR. Vermutlich durch einen Kurzschluß brannte die Mühle noch im selben Jahr ab und Poel verlor damit unwiederbringlich eines seiner Wahrzeichen.

Rechts: Niendorf heute (2014)

1

Gelände des heutigen “Poeler Forellenhof”, erbaut z. T. schon in den 70er Jahren. Hier endete einst auch eine Feldbahn, die ihren Beginn in Malchow hatte. Sie führte vom Lembke´ schen Saatzuchtgut bis Niendorf.

2

Reste einer ehemaligen Dreiseiten-Hofanlage. Das inzwischen zugewachsene Wohnhaus steht leer (2014). Von den beiden Scheunen steht nur noch die von der Straße aus gesehen linke. Die rechts vom Wohnhaus gelegene Scheune brannte vor einigen Jahren nieder. Um welches der drei Erbpachtgehöfte es sich hier handelt, ist momentan noch unklar.

3

Das ehemalige Müllerhaus aus dem 18. Jahrhundert. Nördlich des Hauses befanden sich einst die Wirtschaftsgebäude.

4

Die Kartoffelscheune. An ihrer Stelle befand sich bis 1953 die Windmühle.

In Niendorf finden sich noch weitere interessante Gebäude, wie z. B. die ehemalige Büdnerei 5, erbaut im Jahr 1872 und in den 80er Jahren des 20. Jahr-hunderts liebevoll restauriert. Die meisten Häuser stammen jedoch aus jüngerer Zeit. Viele Wohnhäuser - insbesondere am südlichen Ortseingang entstanden erst nach der Wende.

In den älterern Quellen* sind für Niendorf vier Hofstellen belegbar. Daran änderte sich bis ins 20. Jahrhundert nichts. Untenstehend sind die Inhaber der Hofstellen anhand verschiedener Steuer- und Abgabenregister aufgeführt:

Amt Bukow, halbe Landbede 1519

Nygendorpe:

M

ß

Jacob Rusth

1

 

 

Hans Damplose

 

14

 

Tytke Louwe

2

 

 

 

4 M - 2

Amt Bukow, halbe Landbede 1544

Nyendorp

M

ß

Clawes Evert, 4 H.

2

 

Clawes Hunemorder, 4 H.

2

 

Hans Danleße, 2 H.

1

 

Jacob Rust, 2 H.

1

 

Hinrick Post, 1 katen

 

2

12 hoven, 1 katen

6

2

* Quelle der Tabellen: “Mecklen-burgische Bauernlisten des 15. und 16. Jahrhunderts, Heft 2: Das Amt Bukow mit dem Lande Poel, Schwerin 1938

zu den in den Tabellen verwendeten Abkürzungen:

Dt.

Drömbt (Maßeinheit)

Schl.

Scheffel (Maßeinheit)

fl

Gulden (Währung)

M

Mark (Währung)

ß

Schilling (Währung)

Pfennig (Währung

H.

Hufe (Flächenmaß)

Amt Bukow, Amtsregister 1524

Nigendorp:

M

ß

Michel Kerstins

4

 

Titke Law

2

 

Hans Damloß

4

 

Copes erf ist wust

2

 

Amt Bukow, einfache Landbede 1552

Niendorp: 14 hoven, darunder buwet Stralendorp 2 und gifft nichts darvon.

M

ß

Claves Ewerth

4

 

 

Claves Hunemorder

4

 

 

Peter Damloßen

2

 

 

Jacob Rust

2

 

 

Hinrich Post

 

4

 

 

12

4

 

Amt Bukow, geistliche Pächte 1568

Niendorf:

fl

ß

Peter Evert, tegeden

2

16

Hans Rust, tegeden

 

7

Peter Damlose, tegeden

 

20

Claus Hunemorder, tegeden

1

8

 

5

3

Amt Bukow, geistliche Hebungen 1571

Niendorpf:

fl

ß

Peter Everdt

2

16

Hanß Rust

 

7

Chim Bornit

 

20

Chim Schwartze

1

8

 

5

3

Amt Bukow, Land Poel, Beschreibung 1579

Niendorff: Zeuge: Peter Everdes, 50 j., dort geboren. 4 Bauleute, 12 Hufen. Gericht über Everdes beanspruche der Rat zu Wismar, er habe aber schon Brüche nach Bukow gegeben und diene dorthin, die andern 3 dienten den von Stralendorff zu Goldebee und Preenßberg, die auch das Gericht beanspruchten.

Abgaben:

Königsbede

Stolbede

Zehnte

Pächte

Rauchhuhn

 

den Fürsten

dem Capittel

Kirche Wismar

Stralendorff

Rat zu Wismar

 

fl

ß

ß

fl

ß

}14 fl

fl

ß

Stck.

Peter Everdt

2

16

4

2

16

3

8

1

Hanß Rust

1

8

 

 

7

 

 

 

Chim Schwarte

2

16

 

1

8

 

 

 

Chim Bernit

1

8

 

 

20

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die Zeit ab ca. 1700 lassen sich die Hoffolgen einigermaßen sicher rekonstruieren*. Aber auch im Falle von Niendorf lassen sich aufgrund der Quellenlage die Hofstellen-Inhaber vor 1600 den untenstehenden Hoffolgen nicht sicher zuordnen:

Gehöft I (Erbpachthof I, nach Separation der Feldmarken aus dem Dorf heraus verlegt, heute Niendorf-Hof

David Westing

1694-1698

Hauswirt, 1694: ,,David Westing ein Baumann, deßen Frau Margaretha Westing aus Weitendorff haben 2 Kinder, Hanß von 9 und Margaretha von 7 Jahren an Vieh 6 Pferde 3 Ochsen 1 Rindt 3 Kühe 2 Kälber 10 Schweine und 5 Schaafe. Das Hauß von 6 Gebindte in schlechtem Stande“

Hans Westing

1709-1715

Hauswirt, Sohn des vorigen

Christian Schmidt

1717-1734

Interimswirt, zweiter Mann von Hans Westings Witwe

Jochim Westing

1738-1742

Sohn von Hans Westing; er stirbt nach nur vier Jahren Ehe, hinterlässt eine einzige Tochter

Christopher Paetow

1742-1757

Interimswirt, zweiter Mann von Jochim Westings Witwe, die ebenfalls sehr jung stirbt

Claus Evers

1757-?

Hauswirt durch Einheirat, er heiratete Jochim Westings einzige Tochter

Hans Beyer

1773-1783

Hausmann, zuvor Hausmann in Malchow u. Vorwerk; er heiratet die älteste Tochter v. Christian Schmidt u. Witwe v. David Steinhagen

Christian Beyer

1783-1822

Hausmann, Sohn des vorigen

Hans Beyer

1822-1855

Hausmann, Erbpächter und Schulze; ältester Sohn des vorigen

Hans Beyer

1855-?

Erbpächter; ältester Sohn des vorigen

Richard Beyer

1919-1927

Erbpächter; zweiter Sohn des vorigen; er gerät durch die Folgen der Inflation in Schwierigkeiten und muss den Hof 1927 verkaufen

Karl Sievert

1938-1945

kam von auswärts und kaufte das Gut offenbar von Beyer

Gehöft II (Erbpachthof II, auch als “Treumann´sche Hufe” bez.; ab 1763 Mühlengehöft)

Asmus Treumann

1694-1698

Hauswirt u. Schulze, 1694: ,,Asmus Treuman, deßen Frau Maria Evers haben 4 Kinder, als Christian von 8 Asmus 6 Catharina 3 und Hanß von 1 ½ Jahr. An Vieh 4 Pferde 3 Ochsen 2 Kühe 2 Kälber 6 Schweine und 3 Schaafe. Daß Hauß von 6 Gebindte, alt und im schlechten Stande, hat dabey 2 ½ Hufe“

Christian Treumann

1718-1737

Hauswirt u. Schulze, ältester Sohn des vorigen

Christian Treumann

1737-?

Hauswirt Sohn des vorigen, die Hofstelle geht um oder vor 1763 ein

Jochim Michael Ziemsen

1763-1770

erster Windmüller in Niendorf

N.N. Bobzien

1770-1774

Windmüller

Gottfried Hansen

1774-1781

Windmüller

Joh. Joch. Hinr. Westphal

1781-1794

Windmüller und Schulze

Jochim Jacob Peters

1794-1819

Windmüller

Adam Friedr. Jacob Drews

1841-1853

Windmüller

Joh. Chrstn. Carl Albrand

1857-1870

Windmüller, Erbpächter, Mühlenbesitzer

Johann Metelmann

1874-1919

Windmüller, Erbpächter, Mühlenbesitzer

Ernst Metelmann

1919-1940

Windmüller, Erbpächter, Mühlenbesitzer

Richard Hallier

1940-1953

letzter Windmüller auf Poel, Erbpächter, Mühlenbesitzer

Gehöft III (Erbpachthof III)

Hans Weitendorf

1694-1698

1694: ,,Hanß Weitendorff Baumann deßen Frau Elisabeth Hammen hat 1 Kindt Catharina ½ Jahre alt. Hat 6 Pferde, 4 Ochsen, 2 Kühe, 1 Kalb, 8 Schweine und 3 Schafe. Daß Hauß ist von 7 Gebinden in gutem Stande. Hat hierbey 4 ½ Hufen Landes“

Pagel Behnke

bis 1751

Hausmann, Schwiegersohn von Hans Weitendorf

Pagel Behnke

1751-1760

Hausmann, Sohn des vorigen

Jochen Holzmann

1767-1783

Hausmann, Schwiegersohn von Pagel Behnke; er heiratete Behnkes älteste Tochter

David Fehrmann

1783-1799

Interimswirt

Peter Holzmann

1799-1829

Hausmann, Sohn v. Jochen Holzmann

Jochim Jacob Holzmann

1829-1839

Hausmann, Sohn v. Peter Holzmann, stirbt kinderlos

Christoph Steinhagen

1839-1874

Erbpächter, zweiter Mann v. Holzmanns Witwe, 1877 Rentier zu Wismar, verkauft Hof III an Johann Paetow von Hof IV

Dr. Hans Lembke

1917-1945

kauft den Hof 1917

Gehöft IV (Erbpachthof IV)

Hans Steinhagen

1694-1698

Hauswirt

Hinrich Steinhagen

1725-1760

Hauswirt, Sohn des vorigen

Peter Steinhagen

1760-1789

Hauswirt, ältester Sohn des vorigen

Hinrich Steinhagen

195-1732

Hauswirt

Peter Steinhagen

1832-1863

Hauswirt, Erbpächter; keine Söhne. Hof geht im Erbgang über die älteste Tochter an Familie Paetow.

Johann Paetow

1863-1890

Schwiegersohn von Peter Steinhagen, er kauft später Hof III von Christoph Steinhagen dazu

Rudolf Düker

bis 1917

Schwiegersohn von Johann Paetow

Dr. Hans Lembke

1917-1945

kauft den Hof 1917, zusammen mit Erbpachthof III, ab 1917 zum Saat-zuchtgut Malchow gehörig

* Die aufgezeigten Hoffolgen sind keinesfalls vollständig. Sie wollen vielmehr nur einen Versuch darstellen, die Hoffolgen zu rekonstruieren. Auch konnte ich anhand der mir zur Verfügung stehenden Quellen nicht immer nachvollziehen, wann genau die Höfe ihre Besitzer wechselten. Die angegebenen Jahreszahlen geben daher z.T. nur den ungefähren Zeitraum der Inhaberschaft einer Hofstelle an.

Niendorf-Hof ist durch die im 19. Jahrhundert durchgeführte Separation der Feldmarken entstanden. Der sich heute vorbildich saniert präsentierende Hof wurde in den 1860er Jahren durch die damalige Besitzerfamilie Beyer errichtet. Nachdem Familie Beyer den Hof einige Jahrzehnte bewirtschaftete, geriet der Hof in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts durch die Folgen der Inflation in finanzielle Schwierigkeiten, die Richard, den letzten Hofbesitzer aus der Familie Beyer dazu zwangen, den Hof aufzugeben und zu verkaufen. Er verzog um 1927 mit seiner Frau Anna, einer geborenen Lenschow (Tochter eines Erbpächters aus Sabow bei Schönberg) und den beiden noch auf Poel geborenen Söhnen nach Neu Roggentin bei Rostock. Dort kaufte er eine kleine Häuslerei. Für den Hauskauf musste er sich noch Geld leihen, so verarmt war er. Im II. Weltkrieg fiel dann auch noch einer seiner Söhne. Nach seinem Tod 1950 wurde er in Kirchdorf beigesetzt. Seine um einiges jüngere Witwe (Beyer heiratete erst mit über 50!) verzog später - kurz vor ihrem 80. Geburtstag - nach Lüneburg. Hier verliert sich die Spur der Familie.

Das Wohnhaus Niendorf-Hof um 1860 - kurz nach Fertigstellung

 

Den Niendorfer Hof übernahm nach Beyers Wegzug ein Karl Sievert, über den mir nichts weiter bekannt ist. Nach der Wende wurde der Hof von der Familie Lembke erworben und umfassend saniert. Niendorf-Hof liegt - von Fährdorf aus gesehen - einen knappen Kilometer vor dem eigentlichen Dorf Niendorf. Das in Einzellage gelegene Gehöft ist der einzige vollständig erhaltene Drei-Seiten-Hof auf Poel und steht unter Denkmalschutz.

Das Wohnhaus Niendorf-Hof heute (2014) im sanierten Zustand

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