Ein Stolperstein und die Geschichte dahinter

David Fritz Hans Baale wurde am 30.Dezember 1895 in Kirchdorf bei Wismar geboren. Er diente im Ersten Weltkrieg von 1915 bis 1918 als Artillerist / Kanonier. 1921 heiratete er Elisabeth Brockmann, mit der er eine Tochter (Helga) hatte. 1923 eröffneten die Eheleute eine Eisdiele in Wismar, wo sie bis 1935 lebten und arbeiteten. 1934 verlegten sie das Geschäft nach Schwerin und erweiterten es zu einer Speisewirtschaft und einem Café. Im Jahr 1939 verlegten sie das Café und später auch die gemeinsame Wohnung nach Sassnitz. Am 2. September 1939 wurde Hans Baale das erste Mal wegen „antifaschistischer Reden“ verurteilt und bis zum 2. März 1940 im Lager Alt-Strelitz inhaftiert. Am 21 Juni 1943 wurde er in Sassnitz auf Grund einer Denunziation ein weiteres Mal verhaftet. Die angeblichen defätistischen Äußerungen, die zu seiner Verhaftung führten, lagen da bereits zwei Jahre zurück. Zunächst wurde wegen so genannter Heimtücke gegen ihn ermittelt. So sollte er unter anderem gegenüber dem Denunzianten und anderen Zeugen geäußert haben, dass der Gauleiter bei einem Autounfall Spendengelder im Wagen gehabt haben sollte. Weiterhin sollte er gesagt haben, dass die deutschen Soldaten mehr hungern müssten als die Russen, die SS die Soldaten aber genauso vor sich her treiben würden wie die GPU (Geheimdienst der Sowjetunion) die Russen. Darüber hinaus sollte er Hitler als Maurerpolier bezeichnet haben, der gar keinen Krieg führen könne. Hans Baale bestritt diese Äußerungen. Nach der Untersuchungshaft in Stralsund wurde der Angeklagte über Greifswald an das Sondergericht in Stettin überstellt, das den Fall an den Volksgerichtshof nach Berlin abgab. Am 23 November 1943 wurde Hans Baale „wegen fortgesetzter defaitistischer und staatsfeindlicher Äußerungen“ in Berlin zum Tode verurteilt. Die Zeugen aus Sassnitz blieben bei ihrer Aussage, obwohl sie wussten, dass sie damit den Angeklagten dem Henker übergaben. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Am 11. Dezember 1943 wurde Hans Baale im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Das Geschäft der Familie in Sassnitz wurde durch die NSDAP-Ortsgruppe geschlossen und das Eigentum von Frau Baale und ihrer Tochter fast gänzlich beschlagnahmt. Die „Rügensche Presse“ berichtete am 30 November 1943 über das Todesurteil, dass: „…Baales Äußerungen geeignet waren, die Siegesgewissheit und Kraft zur mannhaften Wehr unseres kämpfenden Volkes zu zersetzen, und Baale sich dadurch zum Propagandisten unserer Kriegsfeinde gemacht hat.“

Hans Baale wurde kurz vor seinem 48. Geburtstag hingerichtet. Obwohl er aus seiner antifaschistischen Einstellung nach Angaben seines Anwalts nie einen Hehl gemacht hatte, ist bis heute ungeklärt, ob der Denunziant und die Zeugen mit ihren Aussagen die Wahrheit gesagt haben. Hans Baale bestritt wiederholt die umstrittenen Äußerungen. Die Unterlagen über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof sind leider verloren gegangen.

Unbestritten ist, dass die Zeugen ihn mit ihren Anschuldigungen vor dem Volksgerichtshof bewusst dem Todesurteil auslieferten. Um an Hans Baale, an den Grund seines Todes bzw. die Nichtigkeit seiner angeblichen Vergehen und an das Verhalten seiner Sassnitzer Nachbarn zu erinnern, wurde ein Stolperstein mit seinem Namen verlegt.

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Foto u. Text mit freundlicher Genehmigung durch Dokumentationszentrum Prora e. V.

Der Text basiert zum großen Teil auf Recherchen von Schülern der Regionalen Schule und der Förderschule Sassnitz aus den Jahren 2007 – 2010, in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum Prora und der Stadt Sassnitz. Textquellen: Landesarchiv Greifswald (Rep.200/9.2.1. Nr. 91VdN) u.a.: -Schriftwechsel der Anwälte mit Frau Baale; Ermittlungsunterlagen gegen Denunziant und Zeugen wegen Falschaussage und Meineids.

 

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