Wie Oertzenhof zu seinem Namen kam

In frühen Zeiten befanden sich dort, wo heute der Poeler Ortsteil Oertzenhof liegt, mehrere Bauernhöfe, die in alten Karten und Steuerlisten “To den Hoven” , “Zun Hoeven” oder ähnlich bezeichnet wurden. Zu den Höfen, wie man heute sagen würde, gehörte auch der “Schwarzenhof”, ein Bauernhof, der seit mindestens 1519 von der alteingesessenen Poeler Familie Schwartz bewirtschaftet wurde. Aus alten Akten weiß man, dass die Familie Schwartz über mehrere Generationen die Oberschulzen des schwedischen Teils der Insel stellte. Namentlich bekannt sind u. a. die beiden letzten Besitzer des Schwartzenhofs: der Oberschulze Jochim Schwartz, der vermutlich vor 1709 starb (seine Witwe, deren Name nicht überliefert ist, wurde am 06.04.1728 “...mit einer Leich-Predigt und vielen Gefolge beerdigt und in der Kirche begraben”) und sein jüngster Sohn Claus Schwartz, welcher 1712 die Lübecker Kaufmannstochter Elsabe Ottendorf heiratete.

Claus und Elsabe Schwartz hatten drei Töchter und zwei Söhne und dennoch scheint die Familie zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf Poel ausgestorben zu sein. Claus starb offenbar irgendwann zwischen 1719 und 1722 - ein Eintrag in den Sterberegistern ließ sich nicht finden. Seine Witwe heiratete jedenfalls später Hardtwig Jochim Gerhardt, welcher durch diese Heirat zum Besitzer des Hofes wurde ,welcher nun nach ihm “Gerhardtshof” genannt wurde. Witwe Schwartz bekam mit ihrem zweiten Mann 1723 und 1725 noch zwei weitere Kinder. Der Hof schien aber nicht gut zu laufen, denn schon 1727 wurde der “Gerhardshof” in Konkurs für 1.400 Taler an den Poeler Hausmann Detlof Göttsche verkauft. Das Ehepaar Gerhardt-Schwartz verzog daraufhin offenbar von Poel, denn die Quellen erwähnen sie später nicht mehr. Detlof Göttsche war zuvor in Brandenhusen ansässig und offenbar ein “Zugereister”. Seine Herkunft ist unbekannt. (Einer der beiden Söhne Göttsches heiratete später die Brandenhusener Oberschulzenwitwe Evers und wurde dadurch selbst Oberschulze des Lübischen Teils der Insel.) Dem neuen Besitzer nach wurde der Hof nun “Göttschenhof” genannt. Aber auch diese Ära währte nur kurz, denn bald darauf verkaufte Göttsche den Hof an den Landrat Helmuth Friedrich von Oertzen.

Helmuth Friedrich v. Oertzen

Foto mit freundlicher Genehmigung Familie v. Oertzen, Roggow

Helmuth Friedrich von Oertzen entstammte dem uradeligen mecklenburgischen Geschlecht der v. Oertzen, welches seinen Stammsitz seit mehr als 800 Jahren in Roggow (Gemeinde Rerik) hat. Geboren wurde Helmuth Friedrich am 14. Oktober 1673 als jüngster Sohn von Joachim v. Oertzen auf Roggow und dessen Ehefrau Charlotte Beate, geb. v. Erskin. Zehn Tage nach der Geburt starb Helmuth Friedrichs Mutter. Drei Jahre später heiratete der Vater Barbara Sophia v. d. Lühe a. d. H. Schulenberg. Als junger Mann stand Helmuth Friedrich als Page im Dienst des dänischen Königs Christian V. und wurde von diesem 1692 als Fähnrich in der Garde zu Fuß eingesetzt. Während eines vom König gewährten dreijährigen Urlaubs begleitete Helmuth Friedrich u. a. die französische Armee als Volontär, um sich militärisch weiterzubilden. 1696 kehrte er kurz auf den heimatlichen Stammsitz zurück, um nach einiger Zeit wieder an den dänischen Königshof zu gehen, wo er zunächst zum Leutnant, später zum Hauptmann der Garde zu Fuß befördert wurde. Ab 1703 hielt Helmuth Friedrich sich wieder auf dem elterlichen Gut Roggow auf. Im selben Jahr heiratete er zu Gudow Susanna Francina v. Bülow a. d. H. Gudow und übernahm ein Jahr später das Gut Gerdshagen, welches ihm der Vater zum Nießbrauch überlassen hatte. Zusätzlich übernahm Helmuth Friedrich auch noch das Gut Vogelsang, wo das Paar die nächsten Jahre auch seinen Wohnsitz hatte.

Zu Beginn des Jahres 1707 starb der alte von Oertzen und der Besitz wurde unter den beiden Söhnen Helmuth Friedrich und Jasper aufgeteilt. Zunächst erhielt Jasper als ältester den Stammsitz Roggow sowie Wakendorf. Helmuth Friedrich bekam die Güter Gerdshagen, Altenhagen und Bolland. Später erwarb er noch das Gut Klein-Nienhagen hinzu. Gerdshagen wurde für die nächsten Jahre Helmuth Friedrichs Wohnsitz, bis die Familie 1716 in den Konflikt des mecklenburgischen Herzogs Carl Leopold mit den ritterschaftlichen Ständen geriet. Der Herzog versuchte mit aller Macht und Härte, den Ständen zusätzliche Steuern für die Schaffung eines stehenden Heeres abzuzwingen. Hierzu holte er sogar 40.000 russische Soldaten ins Land. Den russischen Truppen knapp entkommen, ging Helmuth Friedrich samt Familie ins Exil nach Gut Gudow bei Ratzeburg, welches seinen Schwiegereltern gehörte und kehrte erst 1719 auf sein bis dahin beschlagnahmtes Gut Gerdshagen zurück. Schon vor seiner Flucht begann Helmuth Friedrich sich auch politisch zu betätigen. Diese Aufgaben nahm er nach seiner Rückkehr als Deputierter wieder auf, während er seine vormals beschlagnahmten Güter wieder auf Vordermann brachte und auch seinen Besitz mehrte: 1726 kaufte Helmuth Friedrich Gut Miekenhagen für 9.900 Taler, das er später seinem jüngsten Sohn Jasper überließ. Im Dezember 1728 starb nach längerer Krankheit Helmuth Friedrichs älterer Bruder Jasper. Da dieser keine Erben hinterließ, fiel das Gut Roggow nebst Wakendorf an Helmuth Friedrich. Als weitere Erwerbung kam um oder kurz nach 1727 schließlich eine Ortschaft auf der Insel Poel hinzu, die seither seinen Namen trägt: “Oertzenhof. Zu dieser Erwerbung kam es, weil Helmuth Friedrich die Geschehnisse um 1716, die Flucht nach Gudow und die vorübergehende Beschlagnahme seiner Güter durch Herzog Carl Leopold noch nicht vergessen hatte. In Sorge, die Ereignisse könnten sich wiederholen, suchte Helmuth Friedrich nach einem geeigneten Gut, welches ihm in Wiederholungsfalle dann als Zuflucht dienen könnte.

Seine Wahl fiel auf den Poeler “Göttschenhof”, da dieser im schwedischen Teil der Insel lag und somit neutrales Ausland war. Helmuth Friedrich kaufte den Hof für 1.800 Taler und verpachtete den Hof darauf an Fräulein Agnese Dorothea v. Heinen für 200 Taler jährlich. Fräulein v. Heinen bewirtschaftete das Gut bis zu ihrem Tod 1750. Schon kurz nach Erwerb des Hofes kam es zu Meinungsverschiedenheiten mit der schwedischen Obrigkeit. Man stritt leidenschaftlich um die Art und den Umfang der an die Schweden zu leistenden Dienste. Nach v. Heinens Tod verstärkte die schwedische Regierung ihre Bemühungen, den Oertzenhof anzukaufen. Unter anderen war ein Tausch mit dem Dorf Bäbelin angedacht. Nach drei Jahren schließlich verkaufte Helmuth Friedrich entnervt seine Poeler Besitz, den er noch in seinem 1752 aufgesetzten Testament als “unzertrennlich mit Roggow” verbundenes Gut beschrieb. Erben sollte den Oertzenhof eigentlich Helmuth Friedrichs jüngster Sohn Jasper, wozu es durch den Verkauf nun nicht mehr kommen sollte. Die schwedische Krone machte indessen den Oertzenhof, nach Zusammenlegung mit der Fläche des ehemaligen Prienshofes und weiteren Ländereien zu einem großen Pachthof. Helmuth Friedrich von Oertzen war seit den 1730er Jahren als Landrat für die mecklenburgische Regierung tätig und erarbeitete sich einen Ruf als geschickter und einsichtsvoller, aber auch energischer Politiker.

Das Wappen derer v. Oertzen

Am 03. Juni 1754 starb Landrat Helmuth Friedrich v. Oertzen im Alter von 81 Jahren in Schwerin und wurde kurz darauf in der Kirche zu Russow beigesetzt. Obwohl Helmuth Friedrich v. Oertzen nie auf Poel lebte, hinterließ er doch als Namensgeber des Ortes Oertzenhof seine Spuren auf der Insel.

Der Oertzenhof wurde nach dem Erwerb 1753 durch die schwedische Krone Pachthof und dann später, wieder unter mecklenburgischer Herrschaft Domanial-Pachthof. Im Zuge der demokratischen Bodenreform wurde der Hof 1945 entschädigungslos enteignet.

Folgende Pächter sind bisher namentlich bekannt:

Agnese Dorothea v. Heinen

1727? - 1750

Pächterin bis 1750, geboren 01.11.1692 zu Wölzow, Tochter des Majors Albert v. Heinen u. Dyllinana Sophia, geb. v. Lützow, gestorben zu Oertzenhof den 01.04.1750 und in Gammelin beigesetzt. Unverheiratet, keine Kinder.

Carl Sager

 1757 - 1775

1757 als Gutspächter, 1763 - 1775 als Gutsverwalter erwähnt, wurde 1780 Pächter zu Neuhof auf Poel.

Joachim Friedrich Seyer

1777, 1778

In diesen Jahren als Verwalter erwähnt.

Friedrich Jenssen

1832

In diesen Jahren als Gutspächter erwähnt.

Heinrich Grieffenhagen

1848 - 1852

In diesen Jahren als Pensionär zu Oertzenhof erwähnt, stammte aus Rosenhagen bei Groß Brütz, geboren ebd. 30.04.1816, gestorben ebd. 22.01.1875. Verheiratet zu Neubukow den 21.09.1849 mit der Kaufmanns- u. Senatorentochter Johanna Tiede. Lebte nach 1852 in Neubukow und später in Schwerin.

Christoph Calsow

1856 - 1857

Ab 1856 für kurze Zeit Pächter. Zuvor Erbpächter in Timmendorf auf Poel. Sohn des aus Drieberg stammenden Timmendorfer Eigentümers Christoph Calsow. Geboren zu Timmendorf 17.01.1819, verheiratet am 28.11.1847 mit der Timmendorfer Hausmannstochter Catharina Maria Fehrmann.

Conrad Lüttmann

1857 - 1868

In dieser Zeit als Gutspächter/Pensionär zu Oertzenhof erwähnt. Später zu Schwerin. Stammte aus Mustin, Sohn des dortigen Gutspächters Matthias Lüttmann. Geboren ebd. 30.12.1830, verheiratet mit der aus Hof Poppentin stammenden Gutspächtertochter Henriette Kortüm.

Peter Hasselmann

1874 - 1877

In dieser Zeit als Gutspächter zu Oertzenhof erwähnt. Stammte aus Brandenbaum bei Herrnburg. Sohn des dortigen Gutsbesitzers Joachim Christian Zacharias Hasselmann. Geboren ebd. 11.10.1842, verheiratet mit Petra Ida Peters. Sein Verbleib nach 1877 ist unklar.

Heinrich Vieth

1889 - 1901

In dieser Zeit als Gutspächter zu Oertzenhof erwähnt. Siedelt 1901 nach Wismar über. Vermacht sein Wohnhaus (heute Möwenweg 2) der Gemeinde in Form einer Stiftung, um einen Arzt dauerhaft auf der Insel anzusiedeln. Geboren zu Malchow auf Poel 05.01.1839, verheiratet mit der Zarfzower Gutspächtertochter Luise Burmeister (Witwe seines Bruders), keine Kinder.

Adolf Tiessen

1906 - 1909

In dieser Zeit als Gutspächter zu Oertzenhof erwähnt. Zuvor Administrator zu Kaltenhof auf Poel. Stammte aus Groß Zecher. Sohn des dortigen Gutsförsters. Geboren ebd. 23.08.1839, verheiratet mit der aus Vorwerk auf Poel stammenden Erbpächter- u. Schulzentochter Auguste Steinhagen. Gestorben in Bad Nauheim am 25.04.1909.

Auguste Tiessen

1909 - ?

Witwe des vorigen, führte das Gut noch einige Jahre weiter. Tochter des Vorwerker Erbpächters u. späteren Pächters zu Kaltenhof auf Poel Joachim Peter Steinhagen. Geboren zu Vorwerk auf Poel 01.07.1871, gestorben zu Oertzenhof 24.02.1840.

Hanna Tiessen

bis 1945

Tochter der beiden vorigen, bewirtschaftete als letzte Pächterin das Gut Oertzenhof bis zur Enteignung 1945. Floh nach der Enteignung in den Westen. Größe des Gutes Oertzenhof 1945: 199 ha.

 

 

 

zurück