Weitendorf

Das alte Fischerdorf Weitendorf liegt am westlichen Ufer der Kirchsee und teilt sich heute in das eigentliche Dorf und Weitendorf-Hof, welches erst nach 1830 durch die Separation der Feldmarken entstand. Das eigentliche Weitendorf wurde, wie die meisten Poeler Dörfer von deutschen Kolonisten im 13. Jahrhundert gegründet. Ab Ende des 14.Jahrhunderts gehörte Weitendorf zusammen mit Brandenhusen, Seedorf und Wangern zum Heilig-Geist-Hospital Lübeck und war somit über Jahrhunderte - bis 1802 eines der vier “Lübischen Dörfer”. Als nach dem 30jährigen Krieg Poel an Schweden kam, wurden die vier Lübischen Dörfer hiervon ausdrücklich ausgenommen und verblieben im Besitz des HGH Lübeck.

Weitendorf: Bebbauungs-Zustand 1879 nach einem Meßtischblatt aus dem gleichen Jahr. Einhusen gehört heute verwaltungstechnisch ebenfalls zu Weitendorf.

Eng verbunden mit Weitendorf war die heute auf Poel erlosche Familie Wegener, die hier seit mindestens 1698, wohl aber schon weit länger ansässig war. Nach der Neuordnung der Feldmarken um das Jahr 1830 brachen die Wegeners ihren im Dorf gelegenen Hof ab und errichteten ihn weiter südlich des Dorfes als Drei-Seiten-Anlage neu. Es entstand somit Weitendorf-Hof. Diese, für die damalige Zeit moderne Hof-Anlage wurde von der Familie Wegener noch bis 1912 bewirtschaftet und dann an die von auswärts stammende Familie Eggers verkauft, die Weitendorf-Hof bis zur Enteignung 1945 bewirtschaftete. An die einst prächtige Gutsanlage erinnert heute kaum noch etwas. Das Gutshaus wurde 1964 abgerissen und Weitendorf-Hof wurde in Folge aufgesiedelt. Lediglich eine der großen Hofscheunen existiert noch und dient heute einer Poeler Maschinenbau- und Yachtservice-Firma als Winterstellplatz für Boote.

Duch diesen Umstand nahm Weitendorf mit den drei anderen Lübischen Dörfern Brandenhusen, Seedorf und Wangern eine andere Entwicklung als der “schwedische Teil” der Insel. So blieben die Rechte der Lübischen Bauern bis in das 19. Jahrhundert nahezu unverändert. Auch als der mecklenburgische Herzog die vier Dörfer wieder zurück erlangt hatte, verteidigten die Lübischen Bauern in einem Jahrzehnte dauernden Rechtsstreit erfolgreich ihre Rechte.

Sind für das Jahr 1323 noch vier Hofstellen für Weitendorf belegt, sind es 1519 nur noch drei und im 18. Jahrhundert nur noch eine Hofstelle. Diese wurde von der Familie Wegener bewirtschaftet. Über die Folgen des 30jährigen Krieges und die damit verbundenen Veränderungen in Weitendorf gab der Hausmann Hans Wegener 1796 folgendes zu Protokoll: „Vor Zeiten seien in Weitendorf 3 Hausmannsstellen gewesen. In nachmahligen Kriegszeiten wurde dies Dorf aber so schwer mitgenommen und insonderheit durch Feuer so schwer verheert, daß es gänzlich von Einwohnern entblößt, und nur die einzige Hofstelle, welche ich jetzt bewohne, stehen blieb. Die vorigen Anwohner waren so verarmt, daß sie nach dem Kriege die Stellen nicht wieder annehmen konnten, und es ward also beliebt, daß ... der Acker des einen Gehöftes zu Brandenhusen zu ziehen und dem der jetzigen Schulzenstelle daselbst beizulegen wäre, die andere wüste Stelle ... ward meinem Vorfahren, der in gutem Behalt geblieben war, vom derzeitigen Vogtey-Gericht übergeben und mit seiner schon vorher besessenen Hausmannsstelle combiniert.“

Weitendorf Hof

Nach der Gründung von Weitendorf-Hof war im älteren Weitendorf-Dorf kein Hausmann bzw. größerer Bauer mehr ansässig. Es wurde zu einem Büdner- und Fischerdorf. Einige Fischerfamilien leben schon seit vielen Generationen - bis in heutige Zeit in Weitendorf-Dorf.

Für die Zeit von 1519 bis ca. 1598 haben sich auch für Weitendorf alte Steuer-und Abgabenlisten erhalten, die einige Auskunft über die damaligen Einwohner, Hofbesitzer und deren Höfe geben:

Amt Bukow, Amtsregister 1519

Weytendorpe:

M

ß

Peter Westingk

3

4

Hermen Bornith

3

 

Hans Steenhagen

4

 

 

  10 M

Amt Bukow, Amtsregister 1524

Zum Weytendorp:

M

ß

Peter Westing

3

 

Hermen Bornith

3

 

Hans Rust

4

 

 

 

Amt Bukow, Amtsregister 1526

im Weitendorp:

M

ß

Peter Westinck

4

-4

Hermen Pernith

3

 

Hans Rust

4

 

 

 

Amt Bukow, halbe Landbede 1544

Weitendorp:

M

ß

Peter Westingk, 3¾ H.

 

30

Hans Rust, 4 H.

2

 

Asmus Bernith, 3¾ H.

 

30

Hans Rode

 

2

Hinrick Bone

 

2

Marten Brincker

 

2

idem 1 snider

 

4

Vicke Schune

 

2

11½ hoven, 4 katen, 1 snider

 

Amt Bukow, einfache Landbede 1552

Weytendorp: 11½ hoven

M

ß

Claves Westinck

3

12

 

Hans Rust

4

 

 

Asmus Bornith

3

12

 

Hans Steffens, kater

 

4

 

Hinrich Bene, kater

 

4

 

Merten Brincker, kater

 

4

 

idem 1 snider,kater

1

 

 

Vicke Schune, kater

 

4

 

Tonniß Parin, kater

 

4

 

11½ hoven, 6 katen, 1 snider

13

12

 

Amt Bukow, Ablager 1556

Weitendorf: 11½ hoven

fl

ß

Claws Rust

 

3

6

Claws Westingk

 

3

6

Asmus Bornith

 

3

6

bottlingesgeldt

 

10

6

1 fl 10½ ß ochsengeldt

 

 

 

2 Dt. 10½ Schl. havern

 

 

 

Amt Bukow, geistliche Pächte 1568

Weytendorf:

fl

ß

Asmus Bornith, tegeden

1

6

Claus Westingk, tegeden

 

15

Claus Rust, tegeden

1

16

 

3

13

Amt Bukow, Land Poel, Beschreibung 1579

Weitendorf: Zeuge: Clauß Westingk, der schultz. 3 Bauleute, 11 ½ hufen. „So lang er gedengket, haben die gericht, dienst, ablager, auch hüner und eyer zur fürstlichen außrichtung, nach Bukow gehoret. – Das auff- und ablassen aber hab vor 30 jahren dem voigte zum heiligen Geist in Lübeck zugestanden, dan er, zeuge, dem der zeit gewesene voigte 1 fl uflasselgeldt geben müssen, auch den nachbarn 1 t. bier verehren müssen, nachvolgents und von der zeit her haben die ambtleute zu Bukow das auff- und ablassen gehabt.”

Abgaben:

 

Königsbede

Stolbede

Zehnte

Pacht

Gerste

Rauch-huhn

d. Küster auf Pöl

 

dem Fürsten

Capittel

Heil. Geist Lübeck

 

fl

ß

fl

fl

ß

fl

ß

Dt.

Schl.

Stck.

ß

Clauß Westingk

2

12

3

9

 

15

2

12

6

 

1

6

4

Clauß Rust

2

16

4

 

1

16

2

16

6

 

1

 

 

Hanß Bernit

2

12

3

9

1

6

2

12

5

9

1

6

4

 

8 fl 3 ß 6

3 fl 13 ß

8 fl 4 ß 8

 

17 Dt. 9 Schl. Gerste

    15 fl 8 ß Landbede

* Quelle der Tabellen: “Mecklenburgische Bauern-listen des 15. und 16. Jahrhunderts, Heft 2: Das Amt Bukow mit dem Lande Poel, Schwerin 1938

zu den in den Tabellen verwendeten Abkürzungen:

Dt.

Drömbt (Maßeinheit)

Schl.

Scheffel (Maßeinheit)

fl

Gulden (Währung)

M

Mark (Währung)

ß

Schilling (Währung)

Pfennig (Währung

H.

Hufe (Flächenmaß)

Amt Bukow, Land Poel, Amtsregister 1585

Weitendorpf:

Konningsbede

Stolbede

 

fl

ß

ß

Claweß Rust

2

16

4

 

Vicke Westingk

2

12

3

9

Hanß Barnith

2

12

3

9

 

7

16

11

6

Amt Bukow, Land Poel, Amtsregister 1598

Weitendorpf:

Konningsbede

Stolbede

 

fl

ß

ß

Claus Rust

2

16

4

 

Vicke Westingk

2

12

3

9

Hans Barnith

2

12

3

9

 

7

16

11

6

Für die Zeit ab 1698 lässt sich die Hoffolge für den einzigen noch verbliebenen Weitendorfer Hof recht gut rekonstruieren:

 Weitendorf

Hans Wegener

1698

Hausmann, die Familie war wohl schon lange vor 1698 hier ansässig

Hans Wegener

1715-1752

Hausmann, jüngster Sohn des vorigen

Hans Wegener

1753-1776

Hausmann, ältester Sohn des vorigen

Jacob Steinhagen

1777-1783

Interimswirt, zweiter Mann der Witwe des vorigen

Hans Wegener

1783-1824

Hausmann, ältester Sohn des vorigen

Peter Wegener

1824-1841

Hausmann, Sohn des vorigen, er oder sein Sohn verlegten den Hof an die Stelle des heutigen Weitendorf-Hof

Hans Wegener

1841-1887

Erbpächter, ältester Sohn des vorigen

Hans Wegener

1887-1912

Gutsbesitzer, verkauft das Gut 1912 an Otto Eggers, danach Rentier zu Wismar. Größe des Gutes 1908: 199,4 ha. Viehbestand 1908: 22 Pferde, 110 Rinder, davon 52 Kühe, 20 Schafe 116 Schweine.

Otto Eggers

1912-1921

Gutsbesitzer, zuvor Gutsverwalter zu Müggenburg

Gerhard Eggers

1921-1945

Gutsbesitzer, Sohn von Otto Eggers. Das Gutshaus Weitendorf wurde 1964 abgerissen.

 

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