Einige Nachrichten von der Insel Poel bey Wismar

ein zeitgenössischer Bericht aus dem Jahr 1788

Im Oktober 1788 erschien in der “Monatsschrift von und für Mecklenburg” ein mehrseitiger Artikel des damaligen Poeler Pastors Wilhelm Christoph Zastrow über die Insel Poel. So ist der Nachwelt ein einzigartiges Dokument erhalten geblieben, welches nicht nur die Insel an sich, sondern auch die damaligen Verhältnisse und Lebensbedingungen der Poeler eindrucksvoll beschreibt:

Monatsschrift

von und für Mecklenburg


  4. Stück.   October 1788



I.

Einige Nachrichten von der Insel Poel bey Wismar *)

 

Poel, ob es gleich oft eine Halb-Insel genannt wird, ist eine ganze Insel; denn sie hängt durch zwey Brücken, so schon zur schwedischen Herrschaft gehören, wie dem festen Lande zusammen; und die dritte Brücke so auf Mecklenburgischen Territorium vor einigen 30 Jahren gewesen, ist weggenommen, ein Damm an deren Stelle gemacht, welcher aber meist weggespühlt ist, wodurch bey hohen Wasser, besonders wenn etwas Eis da ist, der Zugang nach Poel sehr beschwerlich gemacht, ja nicht selten gesperret ist.

*) Abermahl eine Nachricht von einem andern als eigentlich mecklenburgischen Antheil. Aber wer kann dafür, daß in einem Lande, daß ehemals zu unserm Vaterlande gehörte, und jetzt nur durch die allzunahe Nachbarschaft mit uns verwandt ist, sich eher als in unserm Lande selbst, Männer gefunden haben, die uns mit solchen Nachrichten von ihrem väterlichen Herde beschenkten! Möchten doch durch dieses Vorspiel sich unsere Landsleute noch mehr gedrungen fühlen, unsern Bitten in dieser Art zu geneigen und uns mit Nachrichten von ihren Städten, Ämtern, Flecken, Dörfern und deral. zu unterstützen.Diese interessante Nachrichten von der Insel Poel haben wir ganz zunächst dem treflichen und würdigen Geistlichen auf dieser Insel, dem Herrn Prediger Zastrow zu Kirchdorf, zu danken: und wer, der diese, auch des Alterthums wegen, merkwürdige Insel besucht hat, rühmt nicht mit mir die Gefälligkeit, Dienstfertigkeit und eldle Gastfreyheit dieses Mannes! - Wem anders wohl, als deinem Beyspiel, edler Mann ! mögen die biedern Poeler die Erhaltung ihrer traditionellen Tugenden verdanken!

 

Anmerk. des Herausgeb.  

Es sind also drey Arme, die aus dem Binnenwasser herausfließen. Durch einen, der nach Mecklenburg an das Amt Redentien und an den Domanial-Hof Strömkendorf gehöret, kann und muß man fahren, reiten und der Fußgänger waden, über die andern beyden Arme sind Brücken geschlagen, wozu vom Könige aus der Neuklosterschen Waldung das Holz gegeben wird, die Einwohner auf Poel aber, nach einer gemachten Repartition auf Hufen, Häuser und Personen, tragen die Baukosten und thun selber die Fuhren und Handdienste dabey. Auf der größten Brücke ist auch eine Zugbrücke, welche des Nachts aufgezogen wird, wodurch dieser einzige Zugang zu Lande nach Poel gesperret werden kann; zu welchem Ende auch in einem kleinen Hause, so auf der Schanze genannt wird, ein Mann mit seiner Familie beständig wohnet, der die Aufsicht über die Brücken hat und dafür vom Lande mit Korn, Brod und Fleisch gelohnet wird. Poel liegt gegen Norden, an der würklichen Ostsee, gegen Westen und Süden an dem Fahrwasser nach Wismar, welches auch schon so genanntes Binnenwasser ist, aber breit und tief ist, daß große Schiffe, nur keine Kriegsschiffe, dadurch in den Wismarschen Hafen laufen können, gegen Osten liegt es an schmäleren Armen aus der See, wo auch der Zugang über die Brücken ist. Poel ist wol eine kleine Meile lang und eine gute halbe, auch an einigen Orten drey Viertel Meile breit;

 

breit; auf derselben liegen eilf Dörfer, ferner der königl. Amts-Hof, eine Meyerey, so Oertzenhof genannt wird, ein Hof, der Privat-Personen gehöret und ein neuer Hof, so erstlich angelegt wird. Von den eilf Dörfer gehören 7 unter königl. Schwedische Hoheit, 4 aber nach Lübeck und zwar dem Hospiital zum heiligen Geist; worüber von Lübeck aus Civil- und Criminal-Jurisdiktion, durch gewisse Beamte, wovon der erste Voigt und der andere der Schreiber genannt wird und die zu gewissen Zeiten dahin kommen, ausgeübet wird. Die 7 schwedischen Dörfer heißen: Kirchdorf, Neuendorf, Fährdorf, Malchow, Vorwerk, Golvitz und Timmendorf. Die 4 Lübeckschen Dörfer heißen: Brandenhusen, Weiten-dorf, Wangern und Seedorf. In allen diesen Dörfern wohnen: 1.) Hausleute oder Bauleute, wie sie selbst von königl. Gerichten genannt werden; denn Bauren wollten sie ehedem nicht gerne heißen; jetzt erkennen aber die mehresten auch schon die schöne Bedeutung dieses Namens. Diese Hausleute besitzen das unbebaute Land Jure Coloniarum, da sie eine Erb-Pacht bezahlen, die von der Hufe in 3 Drömt Gersten und etwa 7 Rthlr. Geld bestehet, Haus und Hof, Vieh, Fahrnis, Einsaat und Ackerlohn ist ihr eigenes und wird auf den ältesten Sohn, und wenn gar kein Sohn da ist, auf die älteste Tochter vererbet; und wenn gar keine Kinder da sind, erhalten das Erbe, Schwestern, Brüder und die nächsten Verwandten. Hierinn wie auch in dem bestimmten Kanon der Erb-Pacht sind sich schwedische und lübecksche Hausleute völlig gleich; nur, daß die schwedischen jetzt seit einige 50 Jahre Natural-Hofdienste thun, die Anfangs geringe gewesen, jetzt aber schwerer geworden sind. Und zwar giebt ein Hauswirth von jeder Hufe wöchentlich einen Tag ein Gespann Pferde oder Ochsen, nebst 2 Menschen, durchs ganze Jahr; in der Erndte noch etwas mehr, die ans Amt oder dessen Höfen Hofdienste thun müssen. Die Lübeckschen sind von allen Natural-Hofdiensten frey. Die Anzahl der Hufen, so ein Hausmann besitzt, ist sehr ungleich, doch soll nach erster Einrichtung die größte Bauerstelle von 5 Hufen und die kleinste von 2 1/2 Hufen seyn; jetzt ist aber eine Hausmannsstelle im Lübschen von 3 Hufen, die aus zweyen Stellen in neuern Zeiten zusammen geschmolzen ist.

 

Eine Hufe enthält 100 Scheffel Korn Einfall, Wismarsche und Rostocker Maaße. Dieser Acker liegt durchgehends in 6 Schlägen, wovon 5 Schläge besäet sind, und zwar das erste Jahr wenn er gedünget worden mit Rogken und Weitzen, dann mit Gersten, dann mit Erbsen, da 4te Jahr wieder mit Winterkorn, Rogken oder Weitzen und zuletzt mit Haber. In der Brach pflanzen sie ben bekannten weißen Kohl, der weit verfahren wird; der Kopfkohl wird auch in eigener Wirthschaft stark gebraucht und der kleinste und nicht recht feste wird eingemacht und das so genannte Sauerkraut daraus verfertiget; mit den großen Blättern oder fauler Kohl, wie man hier spricht, sonsten auch Schlup genannt, wird Vieh fett gemacht, auch milchende Kühe und auch Schweine damit gefüttert, doch, obgleich die Kühe viele Milch darnach geben, schmeckt Milch und Butter sehr nach Kohl, welcher Geschmack nicht allen angenehm ist. Das Fleisch, des mit Kohl gemästeten Rindviehes nimmt auch einen Kohl Geschmack an, welcher aber ganz aufhöret, wenn das Vieh nur 3 Tage vorher, ehe es geschlachtet wird, mit Stroh oder Heu gefuttert wird. Die Art den Kohl zu ziehen ist dieser: Den Kohlsaamen, welchen sie selber von Kohlköpfen, die im Herbste mit der Wurzel ausgezogen, sorgfältig für Frost bewahret und im Frühling wieder verpflanzet werden, nehme, säet man zeitig in eigenen kiesnen Pflanzen-Gärten, die in den Dörfern alle Jahr neu auf Gemeinplätzen, wohin den Sommer vorher das Vieh des mittags getrieben, und wo es gemelket worden, angelegt werden. Der Acker, wo Kohl gepflanzet werden soll, wird im Herbst vorher einmal gewiß, wol zweymal gehackt oder beackert, im Winter gut bedünget und hernach wol noch drey mal gut geegget und gehackt; wenn die Pflanzen groß sind, werden sie in die Erde gesteckt, wenn es geregnet hat, in der nassen Erde, wenn man aber darauf nicht warten kann, wird Wasser aber süßes, angefahren und in jedem Loch, worinn eine Pflanze gesteckt werden soll, wird reichlich Wasser gegossen. Hierzu wird nun eine ziemliche Menge Arbeiter erfordert, einige stechen die Löcher, andere legen die Pflanzen ein und noch andere drücken die Pflanzen mit der Hand feste zu und bei vorkommender Dürre

 

Dürre, fahren noch einige das Wasser an und andere gießen es in die Löcher. Hier nun aber helfen die Hausleute sich einander treulich, wie gute Nachbarn. Heute pflanzet einer, morgen der andere, worüber sie sich vergleichen und dann ist alles beschäftiget, daß fast täglich ein Kohlhof bepflanzet und fertig wird; nun werden nach einigen Tagen die ausgegangenen Pflanzen durch andere ersetzt, nach 3 Wochen auch wol 14 Tagen, wenn er schnell gewachsen, werden die Pflanzen mit der Hacke behackt, nach eben so viel Zeit behäuft und denn wächst er ruhig fort und schließt sich zu Köpfen. Unser Kohl wird nicht recht groß, der meiste ist klein aber fest und wohlschmeckend, auch wohlfeil; wenn er gut gewachsen, wird in Wismar das Schock unausgesucht oft für 5-6 ßl verkauft. 2.) Die zweyte Art Einwohner sind die sogenannten Kätners. Ein Kätner im schwedischen hat 12 Schfl. Saat-Land, worauf er sich 2 Ochsen hält; und davon alle Woche 3 Tage Handdienste aber keine Hofdienste mit dem Vieh thut. Im Lübschen hat ein Kätner nur etwa 4 Schfl. Acker, thut aber keine Natural-Hofdienste, giebt etwas Geld, hält sich keine Ochsen, nur eine Kuh und läßt seinen Acker für Geld bestellen, diesen Leuten gehört alles eigen zu, Haus, Hof und alles obige. Im Schwedischen sind ehedem 12 Kätners gewesen, aber durch die schweren Hofdienste bis auf viere eingegangen, welche nun zum Theil der andern Aecker für Geld gebrauchen, ein Theil von dem Acker aber ist zu dem Amts-Aeckern gezogen worden. 3.) Die dritte Art Einwohner auf Poel heißen Büdner. Die Leute haben ein eigenens Häuschen, wobey ein kleiner Garten ist, welches sie selbst erhalten und damit machen können was sie wollen, welches auch der älteste Sohn oder die älteste Tochter erbet, zuweilen theilet der Vater seinen Katen (wie ein Haus der Büdner hier genannt wird) unter seine Kinder. Diese Leute geben Dienstgeld und auch Abgaben unter andern Namen als Tribunal- und Consistorialgeld, und jeder Besitzer solches Hauses muß in der Erndte noch 4 Tage Natural-Hofdienste thun. Für die Weide seines Viehes muß der Büdner an die Hausleute des Dorfs besonders bezahlen. In dem Kirchdorfe haben diese Einwohner gar keine Weide, und können sich daher

 

auch kein Vieh halten; die Büdner sind zum Theil Handwerker, zum Theil Arbeitsleute und viele leben blos vom Aalfang. Nun sind noch Einliegers, welche meistens Taglöhner sind. Für diese hat das Amt 2 große Gebäude gebauet, worinn zusammen 20 Familien wohnen, die in der Erndte arbeiten un din den Amt-Scheunen dröschen müssen. Die andern miethen sich bey Büdners und Kätners ein, zum Theil auch in die Wohnungen, die bey den Hausmannsstellen für die Alten gebauet worden, wenn sie die Wirthschaft angeben. Die Einwohner auf Poel machen gleichsam eine besondere Nation aus; sie unterscheiden sich durch ihre Sprache, Kleidung und andere Gewohnheiten. Es haben mir 1763 noch Alte von 90 und mehrern Jahren erzählt: (welche Sage als Wahrheit sich immer erhält und fortgepflanzet wird,) daß in den Nordischen Kriegen diese Insel von den dänischen Seetruppen, die angelandet, solange ausgeplündert worden, bis die damaligen Einwohner sie gänzlich verlassen, und sie solange wüste gelegen, daß man von der vorigen Einwohner Art zu leben und wie sie das Land besessen, nichts mehr wüßte. Da sind nun dieser Leute Voreltern gekommen aus andern Gegenden, und wie die Sprache und Kleidung es anzeiget aus dem Holsteinischen und der Gegend bey Lübeck und haben sich hier wieder angebauet; ein jeder hat mit den Seinen so viel Land so viel Land genommen als er aht bestellen können; daraus sind hernach die Dörfer entstanden; es macht dieses glaublich, erstlich die Ungleichheit der Hufen, so sie noch jetzt besitzen. Da die Hausleute in keinem Dorf sich gleich sind, auch zweytens bezweifelt solches, daß es ehedem lauter Dörfer gewesen sind, und kein Amt noch großer Hof existiert hat. Diese sind nur in neuen Zeiten angelegt und aus gelegten Bauerstellen und aufgehobenen Dörfern entstanden. Diese Leute haben die verlassene Insel wieder bevölkert, den Acker angebauet und sich Häuser, Scheunen und Ställe gebauet; daher es noch jetzt alles das Ihrige ist. In der Folge haben sie sich mit dem damahligen Landesherren verglichen, daraus der noch jetzt gebliebene Kanon und Abgaben entstanden sind. Und so istb diese Insel an die Krone Schweden 1709 abgetreten, also daß Jedermann seinen Rechten

 

Rechten und Eigenthum ungekränkt gelassen werden soll, welches auch bey der Huldigung eines jeden neuen Königs von Schweden den Leuten durch den, der die Huldigung annimmt, eidlich versichert wird. Es haben diese Leute über ihre Länder gar keine Schriften noch Urkunden; Auch beym Amte und dem Gouvernement sollen keine alten Nachrichten hievon seyn; sondern es wird stets nach dem alten Besitz und Herkommen bey dem hohen Tribunal in Wismar entschieden. Da sind nun die ersten Anbauer gewesen, deren nachkommen und Namen noch alle vorhanden. Steinhagen´s, dieser Name kommt am meisten vor. Evers, Schwarts, Baier, Sprenger, Fehrmann, Lembke, Kröger. Neuere Anbauer sind Wegner, Rust, Schmid, Schröder. Erstgenannte sind immer geblieben, und besitzen auch die meisten Hausmannsstellen noch. Die Sprache ist von der Platdeutschen der Mecklenburger, auch von der Sprache der gemeinen Leute in Wismar, verschieden; ob sie gleich beständig und täglich mit denselben umgehen. Z. E. der Mecklenburger spricht: Kühe, Köhj, hier Kai. Heu, Höhj, hier Hai. Mähen, mehjen, hier maien. Säen, sehjen, hier saien. Einjeder, Jecklich Minsk, hier Eick een Minsch. Fleisch, Flesk, hier Flesch. Und diese Aussprache kommt mit der bey Lübeck sehr überein, ob sie gleich auch abweicht. Die Kleidung der Mannspersonen war ehedem noch mehr ausgezeichnet von der Kleidung der Nachbaren. Sie tragen kurze Wamse, in der Taille wie Röcke gemacht, auch die Ermel so, aber sie gehen nur im Schooß halb bis an die Knie, vom Knie bis ans Rock ist noch eine gute Spanne, und solch ein Rock heißt ein Schanzläuffer, die Farbe dazu war gemeiniglich schwarz, selten grau. Jetzt wird solch ein Rock nicht oft mehr in der Kirche getragen, sondern auf Reisen und von Hausleuten. als eine tägliche Tracht, wenn sie ausgehen, doch hat noch fast Jedermann, Herr und Knecht, einen Schanzläuffer; dabey tragen sie schwarze leinene auch grob lakene Beinkleider, nicht sehr eng und auch nicht zu weit, mit hornen auch knöchernen Knöpfen.Die Farbe ihrer jetzigen Sonntagsröcke ist schwarz und dunkelblau,

 

selten findet man eine andere. Die Frauenspersonen tragen lauter dunkele Farben zu Kleidern, alle nur Rock und Kamisol, und auch auf ihre Mützen selten Gold oder Silber, sondern schwarze Spitzen auch auf bunte Mützen. Gewohnheiten und Gebräuche sind auf Poel noch einige, die von Einfalt der Sitten zeugen, und ehrlichen Landleuten besonders wohl anstehen. Als z. E. wenn der Vater seinen Sohn oder seiner Tochter die Wirthschaft übergiebt und er sich zur Ruhe in den Altentheils-Katen setzet: so bittet er seine nächsten Freunde, die freunde der Braut seines Sohnes und noch einen oder alte erfahrne Nachbaren und nun bereden sie sich erstlich über diese Angelegenheit, machen dann eine Schrift, so sie einen Vergleich nennen, hierinn wird bestimmt, wieviel Korn dem Vater aufs Alttheil soll gesäet und bestellet und in seinen Katen gefahren werden; ferner was die Geschwister des jungen Hauswirths an Geld, Aussteuer und sonsten bey ihrer Verheirathung haben sollen, welches alles nach der Größe und sonstigen Umständen der Hausstelle sehr ordentlich eingerichtet wird. Ferner wird angezeiget, wenn die künftige Frau Wittwe oder der sich in die Stelle hinein heirathende junge Mann, Wittwer werden sollte, was dann die Kinder bekommen, oder wenn einer unbeerbt stirbt, wie es mit der Wiederverheirathung soll gehalten werden. Wenn nun ein solcher Fall eintritt, und die Wittwe nimmt den zweyten Mann, macht man auf eben die Art einen neuen Vergleich, da wird der alte zum Grunde gelegt und nur ausgemacht, wie lange der Stiefvater die Stelle bewohnen soll, was er dann für Altentheil erhält, und wie es mit den Stiefkindern und seinen etwa nachkommenden rechten Kindern soll gehalten werden; hier wird alles nach der größten Billigkeit und dem Herkommen entschieden. Bey solchem Vergleich brauchte man keinen Rechtsgelehrten noch Notarium, sondern die mehresten Schriften solcher Art schrieb der Küster, auch wol ein Hausmann selber; es bedurfte auch keiner Confirmation der Gerichte, noch eigenhändiger Unterschrift aller Assistenten, sondern es war genug daß die Namen derer

 

derer, die dabey waren, im Anfang der Schrift genannt wurden, und solche Schrift hernach rein abgeschrieben und bey der Stelle aufbewahret wurde; nun war eine solche schriftliche Verabredung Gesetz der Familie und entschied alle Irrungen. In neueren Zeiten haben Advokaten auch wol Richter die Confirmation eingeführet, doch vergleichen sie sich fast allezeit so, ohne daß das Gericht etwas davon erfähret, und halten das Verschriebene unverbrüchlich. Bey ihren Hochzeiten haben sie auch noch manche besondere Gebräuche. Am Hochzeittage holt der Bräutigam die Braut zu Pferde unter Begleitung seiner nächsten Freunde ab, bringt einen Wagen voll Frauenspersonen, die verwandt oder auch nur aus des Bräutigams Dorf sind, mit; nun setzt sich die Braut nebst ihren Jungfern und Frauens auf einen andern Wagen, und so gehen die Gäste, die Männer zu Pferde, die vom anderen Geschlecht aber nebst einigen Musikanten auf dem ersten Wagen, zur Kirche. Die Braut sitzt ganz hoch und hat Aepfel und Nüsse im Korbe bey sich, welche sie in den Dörfern besonders in Kirchdorf, auswirft, auch giebt sie jungen Mannspersonen ein Stück Kuchen; der Brautkuchen genannt, welchen ihm andere abjagen wollen, hier geht zuweilen etwas Unordnung vor. Wenn die ganze Gesellschaft im Kirchdorf, jedes Geschlecht vor einem andern Kruge, abgestiegen ist, so gehen sie zur Kirche, und nach geschehener Copulation ziehen sie eben in der Ordnung hin zum Hochzeitshause, welches jederzeit das Haus ist, da das Ehepaar künftig wohnen will. Die Braut, wenn sie Jungfer ist, wird blos mit einer Krone geschmückt, alles andere Putzen mit vielen Bändern, Blumen und Flittergold ist hier nicht mode; sondern ein schwarz Kamisol und Rock, feiner weißer Tuch und schwarz seiden tafendte Schürze, schwarzen Samten Handschuh mit Rauchwerk gefüttert und verbrämt, nebst einer kleinen schwarzen Muffe, ist der ehrbare und anständige Anzug unserer Bräute; wie denn unsere eingeborne Frauenspersonen äußerlich ehrbar und schamhaftig sind, freylich giebts Ausnahmen. Nun haben unsere Poeler bey ihren Hochzeiten auch Kindtaufmalen, eine sehr lobenswürdige Gewohnheit, daß sie für die Armen so gut als für die Gäste, so sie bitten, sorgen. Es wird

 

ein Tisch auf der Diele zurechte gemacht und mit zwey guten Gerichten besetzt, wo alle Arme und Kinder, deren oft 30-40 sind, die sich einfinden, geweiset werden, Bier und Brandtwein wird dazu gegeben und was an Fleisch und Brod übrig ist, dürfen sie mitnehmen. Diese Arme sitzen dicht bey den jungen Leuten männlichen Geschlechts, die ordentlich geladen sind, und sie rechnen nichts sich zur Schande. Diese edle Gewohnheit, den Armen nach Vermögen am Hochzeitstage abzugeben, bleibt auch bey kleinen Hochzeiten; wo denn auch nur wenige sich einfinden. Auch Bescheidenheit bey den Dürftigen!! Am Sonntag, da der Kirchgang der jungen Eheleute eben so wie der Hochzeitstag gefeyert wird, geschieht dies auch mit Bewirthung der Armen.Zu Hochzeitsgeschenken geben die Hausleute sich unter einander die mehresten gute silberne Löffel, wenige geben nur zinnern Zeug. Bey dieser Gelegenheit muß ich auch gedenken, wie hier das Heirathen von den Hausleuten und Herrschaften besonders befördert wird; nicht nur geben sie ihren Dienstleuten, die einige Zeit treu gedienet haben, (und das darf so gar lange nicht seyn, 4 Jahre sind schon genug) eine ganz freie Hochzeit; sondern sie geben solchen, die oft nur ein Jahr bey ihnen gewesen sind, wenn sie heirathen, Korn, Fleisch und Geld, und das thun alle im Dorfe, wo sie als ledige Leute gelebet haben, und auch die Leute in dem Dorfe, wo sie hernach wohnen wollen, dies erleichtert ungemein geringen Leuten das Heirathen und bevölkert das Land. Ueberhaupt helfen die Hausleute gerne, mit ihren Wagen und Pferden denjenigen, die keine Anspannung haben; sind solche in der Erndte Mähers oder sonst Arbeiter, so verdingen sie sich etwas wohlfeiler und dann fahren die Hausleute ihnen Holz, Steine, Lehm zum Bau und Ausbesserung ihrer Häuser an; überlassen den Büdnern Stroh zu ihren Dächern, und helfen auf mancherley Art, daß hier seit einigen Jahren die Häuser der Büdner, besonders in Kirchdorf, sehr verbessert worden sind. Ueberhaupt sind die hiesigen Einwohner mehrentheils wohlthätig gegen die Armen, lassen nicht leicht jemanden ohne Gabe weggehen. Auch besuchen sie den öffentlichen Gottesdienst fleißig und sind ehrbar und anständig in der Kirche und

 

und bezeigen sich gegen Prediger und Schullehrer gefällig und gutthätig. Laster und Sünden finden sich freylich auch hier, besonders ist unter den Hausleuten Völlerey und Spielen sehr gewöhnlich. Auch muß ich hier einer besondern Meynung Erwähnung thun, die unter ihnen herrscht. Viele von den geringen Leuten halten das stehlen einiger Lebensmittel, besonders des Holzes, welches hier alles gekauft werden muß und immer theurer wird, nicht für Sünde, sondern üben es fleißig. Der Hauptkarakterzug der Poeler ist aber doch Erhbegierde: Dahero sie vieles Gute an sich haben und von manchen Niederträchtigkeiten sich abhalten lassen. Nun noch etwas von den Amts- und den anderen Höfen. 1.) der Amtshof hat ehedem der Kaltehof geheißen, ist vor langen Jahren aus verlassenen und gelegten Bauerstellen entstanden, und noch in neueren Zeiten sind einige dazu gekommen, gekauft, vertauscht und so ist es zu der jetzigen Größe erwachsen. Hier wohnet der Amtmann, der das ganze Amt, wozu die Meyerey gehöret, in einer Licitation, von Johanni 1771 an für 4200 Rthlr gepachtet, und alle Natural-Hofdienste, sowol Hand- als Spanndienste zu gebrauchen hat. 2.) Die Amts-Meierey heißt Oerzenhof, nach dem letzten Besitzer, so der mecklenburgische Landrath, Herr von Oerzen auf Roggo gewesen ist, der diesen Hof, so erstlich aus zwey großen Bauerstellen bestanden, an die Krone Schweden verkauft hat; hernach sind dazu die Aecker von 3 Hausleuten, so ehedem in Kirchdorf gewohnet haben, und eine wüste Hufe, welche unter den kleinen Leuten in Kirchdorf vertheilet gewesen, gekommen, und dies alles liegt an Oerzenhof; dies bestellet der Amtmann mit seinem Vieh und den Hofdiensten. Im Lübeckischen Antheil liegt ein Hof, 3). Neuhof genannt, welcher ehedem einem Amtmann Hund gehöret hat; jetzt verpachtet ist. Ueber dem Verkauf dieses Hofes ist zwischen den Käufern, so 2 Hausleute in Seedorf sind, in welchen Dorf dieser Hof liegt, und dem jetzigen Pächter ein Proceß entstanden, welcher schon vor dem Reichshofrath in ... liegt, worinn schon Restitution gesucht und gegeben ist.

 

4.) Noch ist ein Hof im Dorfe Timmendorf aus 2 Bauerstellen im schwedischen entstanden, welcher jetzt dem Amtmann Jörns gehöret und von ihm bewirthschaftet wird; Scheune und Viehhaus ist schon da, aber noch kein Wohnhaus. Auch ist auf Poel eine Windmühle, welche verpachtet ist und im Dorfe Niendorf liegt; außer dem sind 2 Handmühlen im Lübschen, welche aber nichts als Grütz machen sollen. Viele Handwerke werden hier getrieben. Es sind hier 3 Schmiede, viele Schneider und Schuster, die alle genug Arbeit haben; Leinwebere, ein Zimmermann, ein Rademacher, noch ein ordinärer Wagenmacher; Maurer sind einige, besonders solche, die Mauren von Feldsteinen gut setzen können; einige Tischler, auch einer kann Böttcher Arbeit machen. Viele halten sich große und kleine Böte, womit sie Korn und Menschen zu Wasser, auch des Herbsts Kohl verfahren, einige nach Neustadt im holsteinschen, welches Westwerts, grade über unsre Insel liegt. Noch ist zu merken, daß die Lübeckschen Einwohner alle ans königl. Schwedische Amt gewisse Geld-Abgaben jährlich entrichten müssen; unter dem Namen von Schutzgeld, auch noch unter andern Titeln. Eben so, da bey Neuhof im Lübschen eine Schmiede angelegt ist, muß eine Recognition von 5 Rthlr. jährlich ans schwedische Amt gegeben werden, woraus die Verbindung dieser Dörfer mit dem Schwe-dischen erhellet, ob gleich von Lübeck die von hier aus behauptete Landeshoheit, nicht angenommen, sondern der Behauptung widersprochen wird. Die Kirche, Pfarre und des Küsters Wohnung liegt auf schwedischen Territorio, das Jus Patronatus steht dem jedesmaligen Präsidenten des Tribunals als Administratori Jurium Ducalium zu, der 3 Kandidaten durch den Superintendenten oder Senior des Wismarschen Ministerii präsentieren läßt, und die Gemeine, nemlich alle die Meßkorn geben, wählen frey; So ist es bey der letzten Pfarrbesetzung gehalten worden, doch ohne daß die Gemeine ihr Wahlrecht verlohren hat. Die Kirchen-Legende ist die nemliche, die im Mecklenburgischen ist, so auch wird derselbe Katechismus

Katechismus gebraucht. Ein neues Wismarsches Gesangbuch ist 1767 gedruckt, welches sehr gut ist; darinn finden sich viele alte Lieder glücklich verbessert, und viele Gellertsche Lieder sind daneben aufgenommen worden. Das Amtsgericht im Schwedischen bestehet aus einem Rechtsgelehrten aus Wismar, der Doctor und Procurator beym Tribunal ist, aus einem Beysitzer, so auch ein Advocat ist, und aus einem Amts-Actuarius;

3-4 mal im Jahr werden Gerichtstage gehalten, welches Sonntags vorher von der Kanzel angezeiget wird. Im Lübischen Antheil wird um Michaelis ein Gerichtstag gehalten von dem Vogt und Schreiber aus Lübeck, die Beamte beym Hospital zum heil. Geist sind, und die denn zugleich die Gefälle der Haus- und anderer Leute entgegen nehmen.


Hiebey noch eine Liste der auf Poel in 30 Jahren Kopulirten, Gebornen und Gestorbenen.

 

Jahr

Kopulirt

Geboren

Gestorben

1756

9 Paar.

38 Kinder.

32 Personen.

1757

16

31

59

1758

16

25

82

1759

14

38

19

1760

9

38

23

1761

9

31

26

1762

9

37

43

1763

9

25

30

1764

9

44

36

1765

21

40

48

1766

11

37

16

1767

5

47

28

1768

9

36

45

1769

18

35

39

1770

13

50

24

1771

11

33

19

1772

12

36

24

1773

4

34

16

1774

11

30

30

1775

7

37

22

1776

12

34

24

1777

13

42

39

1778

10

33

17

1779

13

41

24

1780

8

42

26

1781

13

38

55

1782

14

34

25

1783

15

41

37

 

 

1027

908

 

 

 

(Text und Gliederung nach dem Original von 1788)

 

 

 

 

Wilhelm Christoph Zastrow, der Verfasser des obigen Textes, war Pastor auf Poel von 1763-1796.

 

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