Ein weiterer Bericht von Pastor Zastrow aus dem Jahr 1790

 

Der folgende Bericht erschien 1790 in “Mecklenburgische gemeinnützige Blätter” als Ergänzung zu dem zwei Jahre zuvor in der “Monatsschrift von und Für Mecklenburg” abgedruckten Bericht

Noch etwas von Poel und deren Ein-

wohnern, deren Eigenthum und

Freiheit (*)

Es ist der Aufmerksamkeit ein kleines Ländchen wohl werth, auf welchem die Einwohner bisher sich in der angebornen Freyheit erhalten haben und noch nicht unterthänig oder leibeigen geworden sind. Vor nicht gar langer Zeit hielten viele diese Einrichtung für fehlerhaft, und dem Landesherrn nicht sehr einträglich. Da man aber angefangen hat, den Bauer für einen seinem Herrn ähnlichen Menschen zu halten, und nachdem die Erfahrung sehr anschaulich gelehrt hat, daß große Kapitalien in den Häusern und Einsaaten, dem Vieh und Fahrniß der leibeigenen Bauern stecken, und da noch täglich zur Erhaltung der Bauernwirthschaft viel angewendet werden muß, welche Gelder zum Vortheil des Landesherrn sich nicht allezeit sehr

(*) Man hat diesen kleinen Aufsatz als einen Nachtrag zu der, von mir im 4ten  Stück 1788 der Monatschrift von und für Mecklenburg heraus-gegebenen Nachrichten von der Insel Poel bei Wismar, anzusehen, und diese hiemit umso mehr zu vergleichen, als am Ende eine Berichtigung für jenen Aufsatz sich findet.

der Herausgeber

hoch verzinsen; so ist das Werk Freyheit erschaffen, und ein wahrer Menschenfreund kann nicht ohne innige Freude die Schriften von Freyheit und Eigenthum der bauern gelesen haben. Kein glücklicherer und seegensreicherer Gedanke hätte in die Seele des Landesvaters kommen können, als da war: Ich will alle meine Bauern, Käthner und Einlieger frey machen, und ihnen die Grundstücke auf Erbpacht übergeben. Glück, Fleiß und Reichthum, Aufklärung und Veredlung dieses Standes wird die Folge der Ausführung dieses Entschlusses seyn. Der Name des Fürsten, der seine Bauern frey macht, und ihnen reichlich Brodt giebt, wird in den Jahrbüchern mit seinem wohlthätigen Glanz die Namen der Länder-Eroberer und Helden zu überstrahlen, ja wohl gar verdunkeln. Hier könnten Tathsachen wohl einige Erläuterung geben, und bey Entwerfung einiger Pläne nicht ganz unnütze Werte werden. Soll daher ein Beobachter der Poelschen Einwohner, ein Poelscher Einwohner selbst von seinen Nachbaren nur etwas reden? und von deren Zustand Wahrheiten erzählen? Ich wags und wünsche Nutzen.

Wir sind hier noch freye Leute, daß heißt, wir sind nicht leibeigen, wir können ziehen und uns hinbegeben wohin wir wollen, können heyrathen, wenn wir wollen, ohne einen Trauschein vom Amte oder dem Gutsherrn zu haben. Ein jeder, er habe Hufen Acker vom Landesherrn, oder er habe nur ein Haus und dabey einige Scheffel Aussaat Land, oder auch nur einen Garten bey seinem Hause, giebt davon etwas Bestimmtes, und das kann mit Recht nicht erhöhet werden, und solange der Innhaber seine Gebühren richtig bezahlet, kann ihm das Grundstück nicht genommen werden, sondern es ist sein Eigenthum. Da muß aber jedermann sein Haus bauen und erhalten, nichts, weder Holz, noch Steine, noch Bauhülfsgelder, werden ihm gegeben, und von den Aeckern gehöret den Bauern Einsaat, Aeckerlohn, Vieh und Fahrniß, und dem Büdner sein Haus und sein bestellter Garten und sein Vieh. Was ein jeder erwirbt, ist sein, und allen Schaden muß er selber tragen. Dies hat Einfluß aufs ganze Verhalten und die Lebensart der Menschen. Sie sind gegen einander anders gesinnet, sie führen sich anders auf, und an ihrem Aeußern sieht man Unterschied. Sowohl, der ein großes Haus und mehrere Zimmer auf seiner Hofstelle stehen hat, als auch der, so ein kleines Haus oder einen Kathen hat, strebet darnach, denselben zu erhalten, und jährlich auszubessern. Den Winter über sammelt er mühsam Stroh und Rohr zum Dach, Holz kauft er, wo er gut und wohlfeil was erhalten kann, und zeitig im Jahr, wenn kaum die Schwalbe ihr Nest macht und ausbessert, bessert der kleine ... sein Häuschen, und zwar zu solcher Zeit, da er durch diese Arbeit nicht von seinem eigentlichen Erwerb abgehalten wird, wenn nämlich der Hauswirth noch seinen Acker bestellet, und er seine eigene Bauten und Reparaturen noch nicht besorgen kann, auch wenn noch die wenigste Arbeit für den handwerker sich findet. Wie ist er da so geschäftig, ... die Zeit aus, nimmt die besten und fleißigsten Arbeiter als Zimmerleute und Maurer, er ist selber Mithelfer und Handlanger mit seiner Frau und seinen Kindern, und wie bald ist solche Ausbesserung vollendet.

Hiebey zeiget sich die Verbindung unter einander; so ein Mitgefühl bey dem Wohlergehn und dem Leiden anderer, so eine Theilnahme scheinet bey vielen Geschäften durch. Die, so Pferde und Anspannung haben, helfen den kleineren Eigenern freylich nicht umsonst, doch aber ohne ihren Schaden mit einem gewissen Patriotismus. Der Besitzer eines kleinen Hauses hat dem Hausmann etwas gemacht, geholfen, wohlfeiler gearbeitet, dafür überläßt er ihm Dachstroh, fähret ihm Holz und Steine; und besonders wird die Freundschaft und Verwandtschaft eines Hausmannes mit solchem kleinen Wirth nicht vergessen, er lässt ihn nicht leicht ohne Hülfe, und seine Hütte verfallen, sie helfen sich untereinander, da sie frey sind. Oft mit innigem Vergnügen habe ich eine Unterredung auf ihren Zusammenkünften gehöret, “nun siehet der und der Kathen doch recht gut und reputirlich aus, der fast verfallen war, “ja, das war auch ein guter Mensch, der ihn nun bewohnet, “er diente bey meinem Nachbar, der hat ihm geholfen, mit Pferd und Wagen, der Hülfe war er auch werth.”

Es ist eine lobenswürdige Gewohnheit, wie bereit die Bauern sind, die Geringeren bey ihren Verheyrathungen zu unterstützen. Das Mädchen, so einige Jahre bey einem Hauswirth gedienet hat, kann gewiß zu ihrer Hochzeit Beyträge und Geschenke, von Korn, Malz, Gänsen hoffen, und wenns auch lange her ist, wenn sie auch schon anderswo gedienet hat, wird ihr ihre Bitte nie abgeschlagen, sie erhält gewiß etwas, auc von Verwandten und Nachbaren der Hauswirthe, in deren Dorfe sie gedienet hat, und so auch der Knecht. Sie kommen denn als Beystände oder Nächsten, wie man hier spricht, zu ihrer Hochzeit, und geben noch Geschenke an Zinn oder Geld.

Die Freyheit macht sie zu einem Körper, an welchem sie sich als Glieder betrachten. Der Sohn siehet es vom Vater, die Tochter von ihrer Mutter, und so machen die Kinder, wenn sie eigene Herren geworden sind, es nach, und berufen sich aufs Exempel der Alten.

Die Hauswirthe haben auch bey ihren Arbeiten, die auf einen Tag viele Hände erfordern, und bald fertig seyn müssen, auf sichere Hülfe zu rechnen, z. E. sie wollen ihren weißen Kohl pflanzen, oder ihren Flachs weden oder vom Unkraut reinigen, oder den Flachs aufziehen, so dürfen sie solches nur einige Tage vorher bekannt machen; so kommen nicht nur die im Dorfe wohnen, sondern andere Bekannte, die ihnen geholfen haben, und sie haben Mithelfer genug, so daß sie einen Kohlgarten von 18 - 14 Schfl. Aussaat in einen Tag bepflanzen können. Da redem sie denn bey ihren Geschäften vertraulich von ihren Bedürfnissen, lernen sich kennen, und versprechen sich Hülfe und Beystand.

Auch ist das ein Ueberbleibsel alter biederer Treue, daß bey Antritt einer Bauernwirthschaft, und Verheirathung des jungen Hauswirths, ein Vergleich aufgerichtet wird, und alsdenn schriftlich festgesetzet wird, wie es in allen Fällen gehalten werden soll. Solchen Vergleich machen sie unter sich, und wird von der Obrigkeit nur nachgesehen, und confirmiret. Hier sind die alten Hausleute, welche oft solchen Geschäften beygewohnet haben, die die Vorschläge thun, und unter den Beyständen, wenn sie sich nicht vergleichen können, den Ausschlag geben, und sie zurechte weisen. Alles aber wird nach der größesten Billigkeit eingerichtet. Bey solchem Vergleich wird immer Rücksicht genommen, ob der Hauswirth die Stelle vom Vater geerbet, da er denn mehr Freyheit zu disponiren hat, oder ob er sich in die Baustelle hinein geheirathet hat, da denn die Beystände der Frau mehr zu sprechen haben, und der mann sich deren Gutachten unterwirft. Es würde hiebey sich weniger Streit finden, und alles würde mehr bieder und patriarchalisch geführet werden, wenn einige der Hauswirthe nur nicht zuweilen mit Advokaten sprechen müßten, und durch deren Erinnern und Kopfschütteln bey ihren Erzählungen von Eheverträgen, mißtrauisch und besorgt gemacht würden, und daher sich oft über Kleinigkeiten zanken.

Einige unser Eingebornen gebrauchen ihre Freiheit, reisen weit herum in der Welt, sehen manche Länder, kommen wohl nach Ost- und Westindien, kehren wieder zurück, werden Hausleute, und wenden, was sie erworben haben zur Verbesserung verfallener und verschuldeter Baustellen an, wo sie sich hinein heirathen.

So haben auch unsere Mädchen in Wismar durch ihre Treue, Fleiß und gute Aufführung sich so beliebt gemacht, daß Poeler Mädchen sehr in Diensten gesucht werden, die mehrsten kehren in ihr Vaterland zurück, und bringen ihr Geld, so sie verdienet, und ihre Manierlichkeit in Umlauf.

Ganz blind bin ich hiebey nicht bey den Fehlern und Gebrechen meiner lieben Nachbaren und Kinder; ich weiß, sie bringen von ihren Reisen und aus der Fremde Thorheiten und schädliche Angewohnheiten mit, aber wer wird es uns verdenken, wenn ich, wie es manchem guten Vater gehet, lieber von der Kinder guten Eigenschaften und Tugenden öffentlich rede, als ihre Fehler rüge, wenn nur die Ermahnungen und Anführungen zum Guten unter vier Augen nicht gesparet werden.

Freyheit ist und bleibt ein schätzbares Gut, welches das Volk verbessert und auch des Landesherrn Einkünfte nicht schmälert. Prüfungen, Vergleichungen des Zustandes der Bauern, und genaue Berechnungen würden hier ein Licht anzünden.

Ich setze weiter nichts hinzu, als was Joh. Kap. 1 V 39 stehet: “Er sprach zu ihnen, kommt und sehets”

 

 

(Text nach dem Original von 1790)

 

 

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