Die “guten” alten Zeiten

Im Folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über das Poeler Leben ”früher” geben. Kurz deshalb, weil die ganze Thematik doch sehr umfangreich ist. Daher werden hier nur einige Punkte zu den einzelnen Themen berührt. Insgesamt kann man aber sagen, dass viele der unten beschriebenen Lebensbedingungen natürlich nicht nur für Poel galten, sondern durchaus auch auf das restliche Mecklenburg übertragen werden können. ”Gut” waren die alten Zeiten übrigens nur für die wenigsten... Weiterführende Quellen finden Sie am Ende dieser Seite.

Der Haupterwerbszweig auf Poel war seit jeher die Landwirtschaft. Doch auch die Fischerei und das Handwerk waren von großer Bedeutung. Über das bäuerliche Leben auf der Insel geben erhaltene Quellen und die vorhandene Literatur erschöpfend Auskunft:

In den alten Zeiten lebten die Poeler Bauern in sogenannten niederdeutschen Hallenhäusern. Diese z. T. gewaltigen, in Fachwerkbauweise errichteten Gebäude vereinten Wohnung, Stallungen und Erntelager unter einem Dach. Auf der Giebelseite war eine große Toreinfahrt, die auf die große Diele führte. Durch diese wurde die Ernte eingefahren. Im Winter wurde auf der Diele u. a. das Korn gedroschen und auf dem Dachboden eingelagert. Auch für Feiern wie Hochzeiten oder Erntefeste wurde die Diele genutzt. Am Ende der Diele befand sich anfangs der offene Küchenbereich, das Flett. Im der Mitte des Fletts befand sich eine offene Feuerstelle, über der an einem Haken ein Kochkessel hing, in dem die Mahlzeiten zubereitet wurden. Hier versammelte sich die Bauernfamilie samt Gesinde zu den Mahlzeiten. Zunächst hatten die Küchenbereiche noch keinen Schornstein und der Rauch zog über das “Uhlenlock” im Dachgiebel ab.

ehemaliges Poeler Bauernhaus nach alter Bauart in Wangern

typischer Grundriss eines niederdeutschen Hallenhauses

Hinter dem Flett befand sich der Wohnbereich der Bauernfamilie. Zunächst war dieser noch offen und man schlief mit “Sichtkontakt” auf das Vieh in Alkoven bzw. Schrankbetten. Zur Aufbewahrung von Kleidung usw. dienten noch große Truhen - Kleiderschränke kamen erst später auf.

Zum Gehöft gehörten zumeist noch eine Scheune und Nebengebäude wie der Altenteilerkaten, Schweinestall und das Backhaus. Ein eigener Brunnen war ebenfalls oft vorhanden. Die von einer Hofstelle bewirtschaftete Ackerfläche betrug auf Poel im Durchschnitt 2-3 Hufe, teilweise aber auch mehr. In einem Inventarium von 1694 werden verschiedene Poeler Bauernstellen knapp beschrieben, wie z. B. die des Timmendorfer Schulzen David Fehrmann:

,,… ein Baumann, dessen Frau Anna Steinhagen haben eine kleine Tochter Anna 1 ½ Jahr alt. An Vieh: 8 Pferde und 2 Füllen, 3 Ochsen 2 Rinder 3 Kühe ein Kalb, 6 Schaafe und 8 Schweine. Haus von 5 Gebinden in ziembl: Stande, Scheune von 6 Gebinden und in gutem Stande. Hierbey eine Kahte, worin Davied Fehrmans Mutter wohnet, deren itziger Mann Clauß Henning, hat 3 Kinder von ihrem ersten Mann An Lische von 6 Lucia von 4 und Hanß von 2 Jahren. Bey obigen Davied Fehrman 4 Hufen Land.“ Eine weitere Beschreibung ist die des Hofes von Jochim Schwartz, Oberschulze auf dem Schwarzenhof (später Oertzenhof): ,,Ein Hof, welcher mit einer steinernen Mauer darauf ein Hackellwerck umbgeben … Daß Wohn Hauß so zu gleich auch Viehhauß ist im guten Stande, dabey ist eine … Wohnung neü mit einer großen Stube und Camer so noch nicht fertig … An der Süder- und Norderseiten ist ein Küchen- und Baumgarten … bey diesem Hofe sind 6 Hufen Landes…“ . Als drittes Beispiel noch der heute längst nicht mehr existierende Prienshof: ,,Clauß Prienen … deßen Frau Margarethe Schwartzen, haben 5 Kinder 1. Claus Prien 8 Jahr, 2.Anna Catharina 12 Jahr, 3. Assmus 6, 4. Margaretha 4 Jahr, 5. Hinrich 1 Jahr alt. An Vieh 19 Pferde, 6 Ochsen, 5 Kühe, 2 Rinder 10 Schaafe und 16 Schweine, 4 Stöcke Immen. Daß Hauß von 5 Gebindte, so ein Backhaus gewestes, daß Wohnhaus sey im Kriege abgebrochen. Die Scheune ist neu, und dabey ein klein Gebäude zum Stall. Hat hirbey 4 Hufen Landes…“

Nach und nach änderten sich bei den Menschen die Vorstellungen von Wohnkomfort. Die Kochstellen bekamen Rauchabzüge und die Häuser Schornsteine. Der Wohnbereich wunde von den Stallungen abgetrennt und es entstanden Wohnstuben mit eigenen Öfen. Teilweise wurden die Wohnbereiche auch unterkellert.

Ursprünglich lagen die Poeler Bauernhöfe in den Dörfern. Die Ackerflächen waren fest mit der jeweiligen Hofstelle verbunden und wurden gemeinschaftlich genutzt und bewirtschaftet. Die Weideflächen lagen in Communion und wurden von der Dorfgemeinschaft gemeinsam genutzt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte auf Poel die Separation der Feldmarken: Die Acker- und Weideflächen wurden neu aufgeteilt und jeder Hof bekam eine eigene, zusammen-hängende Ackerfläche. Das wirkte sich auch auf die Siedlungsstruktur aus. Die alten Hallenhäuser wurden abgebrochen und die Höfe z. T. an anderer Stelle als moderne Drei-Seiten-Höfe errichtet. So entstanden u. a. Niendorf-Hof und Weitendorf-Hof. Diese neue Hofform setzte sich sehr schnell durch und auch die letzten Hallenhäuser verschwanden langsam aus dem Dorfbild. Von der Hofeinfahrt aus gesehen befand sich das nun massiv aus Stein gebaute Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Schmalseite des Hofgeländes. Links und rechts befanden sich Scheune und Großviehstall, die zumeist noch in herkömmlicher Fachwerk-Bauweise errichtet wurden.

Eine andere Einwohnergruppe waren die Kätner (später auch Büdner). Sie waren Kleinbauern und lebten in einem Katen.Dieser war zunächst ebenfalls in Fachwerk-Bauweise errichtet, aber um einiges kleiner als die Hallenhäuser. Die Kätner hatten im Vergleich zu den großen Bauern nur sehr wenig Land, meist weniger als eine Hufe. Sie mussten sich Acker dazu pachten, um ihre Familien zu ernähren, arbeiteten als Knechte auf den größeren Höfen oder gingen einem Handwerk nach. Zum Katen gehörte neben dem wenigen Ackerland noch etwas Hof- und Gartenland, Wurte oder Wöhrde genannt. Das Inventarium von 1694 beschreibt auch kurz eine Vorwerker Katenstelle:

„Michael Rebbien ein Kähter, deßen Frau Margaretha Schulten, haben keine Kinder, an Vieh 2 Ochsen und 1 Kuh. Der Kaht ist alt und schlecht von 4 Gebindte, hat hierbey 12 Scheffel Saatacker, dienet davon wöchentl: 3 Tage zu Fuß“

Die Häusler waren die Besitzer einer Kleinststelle, einer Häuslerei. Ihr Grundbesitz beschränkte sich zumeist auf das hausgrundstück und ein wenig Gartenland hinter dem Haus. Großvieh besaßen sie i. d. R. keines, bestenfalles eine Kuh, einige Schweine und Geflügel. Die Häusler verdienten wie viele Büdner auch ihren Lebensunterhalt zumeist als Knechte auf den großen Höfen oder sie gingen einem Handwerk nach. So finden sich unter den Poeler Büdnern und Häuslern viele Weber, Schneider, Schuster, Fischer, Schmiede, Tischler, Krüger usw. Auf Poel gab es, beginnend im Jahr 1846 eine sogenannte “Häuslerkolonisation”. So wurde Wohneigentum geschaffen und eine Abwanderung der Menschen vermieden.

Einlieger hatten kein eigenes Haus und wohnten bei den Bauern, aber auch bei Kätnern und Büdnern zur Miete. Sie verdingten sich i. d. R. als Tagelöhner, Knechte bzw. Arbeitsleute.

Die Poeler Hofbesitzer der späteren Zeit galten über die Insel hinaus als wohlhabend. In einem Buch von 1880 liest man hierzu folgendes: “Die Insel Pöl, welche etwa eine Meile nördlich von Wismar liegt, ist das größte derartige Eiland an der mecklenburgische Küste. Von Naturschönheiten ist hier nichts zu finden, es gibt keine “malerischen” Ufer und der Wald fehlt fast gänzlich. Die Bewohner verwerthen ihren Boden besser, denn er ist sehr fruchtbar und gestattet beinahe durchgängig den Gemüsebau, wie denn der sogenannte “Weißkohl”, eines der Haupt-Wintergemüse dieser Gegenden, von hier in großen Quantitäten aufs Festland und selbst nach Holstein ausgeführt wird. Dazu gibt auch der Getreidebau reiche Erträge, die Fischerei ist eine sehr bedeutende und die Bewohner finden sich daher meistentheils in den gedeihlichsten Verhältnissen. Die Poeler Bauern werden zu den “fettesten” des Landes gerechnet...”

Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der Errichtung der modernen Drei-Seitenhof-Anlagen stieg auch der Wohn-und Lebenskomfort bei den Hofbesitzern bzw. -pächtern weiter. Die neuen, in massiver Bauweise errichteten Wohnhäuser waren geräumig und bisweilen prächtig eingerichtet. Im Haushalt wurde eine Menge Personal beschäftigt. So gab es in vielen Haushalten Haus-und Kindermädchen, Diener und Köchinnen, Gärtner, Erzieherinnen und Hauslehrer. Man traf sich auf Gesellschaften, organisierte Jagden und unternahm Reisen.

Für die einfache Landbevölkerung, die Tagelöhner, Hofgänger, Mägde und Knechte war das tägliche Leben ungleich härter. Viele Errungenschaften der neueren Zeit erreichte die einfache Landbevölkerung meist erheblich später und man lebte noch lange unter Bedingungen, wie sie die Eltern und Großeltern schon vorfanden. Besonders vor der Technisierung war die Arbeit in der Landwirtschaft sehr hart und es wurde oft - besonders in der Ernte - von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gearbeitet. Vieles musste in Handarbeit erledigt werden wie Melken, Pflügen, Mähen, Binden, Dreschen, Ausmisten, Schlachten usw. Die Äcker wurden mit Pferden oder Ochsen bearbeitet und alle in der Familie, Kinder wie Greise mussten mithelfen. In der Erntezeit war der Arbeitstag meist 12 Stunden lang, manchmal noch länger. Die Entlohnung war karg. Auch wurden die Tagelöhner lange Zeit zum Teil oder auch ausschließlich in Naturalien entlohnt. Solche “Deputatknechte” oder “Deputatisten” sind für Poel noch bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts belegt.

Die Arbeit war nicht nur hart, sondern oft auch gefährlich. Das Poeler Kirchenbuch gibt hinreichend Beispiele hierfür: Am 07.08.1831 stirbt der Seedorfer Clas Rust 63jährig:,,durch zu große Anstrengung beÿ der Erntearbeit verfiel er in eine hitzige Krankheit, woran er heute morgen starb“. Am 12.06.1874 verunglückt der Fährdorfer Kätner Jochim Hinrich Evers im Alter von 74 Jahren:,,starb an den Folgen eines Falles vom Balken der Scheune”. Am 01.08.1902 verunglückt der Fährdorfer Erbpächter Joachim Heinrich Evers 71jährig tödlich “durch Fall vom Erntewagen“

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Bildung

Bis zur Trennung der Schule von der Kirche gehörte das Schulwesen traditionell zu den Aufgaben der Kirche. Ein Schulunterricht im Kirchdorfer Küsterhaus (heute Inselmuseum) ist seit mindestens 1692 nachweisbar. Die Kinder auf dem Land gingen i. d. R. bis zum 14. Lebensjahr zur Schule. In der kurzen Schulzeit lernten die Kinder Lesen, Schreiben, etwas Rechnen und einige Katechismen. Dies reichte nach damaliger Vorstellung völlig aus, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. In der Erntezeit fand, wenn überhaupt, nur eingeschränkter Schulunterricht statt, da in der Ernte jede helfende Hand gebraucht wurde. Anfangs war der Lehrer üblicherweise auch Organist und Küster. Zu Beginn des 19. Jhdts. kamen dann auch „richtige“ Lehrer zum Einsatz. Die Bestallung, d.h. Einstellung der Lehrer oblag dem Patronat. Im Domanialamt Poel war dies seit 1803 der Großherzog, vertreten durch das zuständige Ministerium. Die wirtschaftliche Lage eines Dorfschullehrers war in damaligen Zeiten meist sehr schlecht. Um das karge Lehrergehalt aufzubessern, übernahmen Lehrer gezwungenermaßen oft Nebentätigkeiten, wie Schreibarbeiten, das Führen der Kirchenrechnungsbücher u.ä. Im 18. und 19. Jhdt. war es dann üblich, dass die Eltern für ihre schulpflichtigen Kinder Schulgeld zahlten. Aus der Schulkasse wurden dann u.a. die Lehrergehälter ausgezahlt.

Das ,,Schulreglement für das Amt Poel“ von 1836 gibt umfassend Auskunft über das Schulwesen der damaligen Zeit. Demnach bildete die Insel Poel mit allen Orten einen gemeinsamen und unteilbaren Schulverband. Es bestand die Bestimmung, dass pro Klasse nicht mehr als 100 (!) Schüler vereinigt sein sollten. Die damals etwa 400 schulfähigen Kinder verteilten sich auf die einklassige Schule in Wangern, die ebenfalls einklassige Küsterschule in Kirchdorf und die zweiklassige „große“ Schule in Kirchdorf (heute Kurverwaltung). Die Kinder aus Einhusen, Wangern und Vorwangern, Timmendorf und Brandenhusen besuchten die Schule in Wangern, die Kinder der anderen Dörfer besuchten die Kirchdorfer Schulen. Jeder Schule war eine festgelegte Fläche an Acker-/Gartenland zugelegt, die dazu diente, die Lehrer und ihre Familien zu ernähren und somit auch einen Teil der Vergütung des Lehrers darstellte. Die Kosten der Bestellung der Äcker wurden aus der Schulkasse bezahlt. Weiterhin erhielten die Lehrer der jeweiligen Schulen ein festgelegtes Feuerungs-deputat an Holz und Torf. Die Schulkasse erhielt ihre Einkünfte u. a. aus den jährlichen Beiträgen der Erbpächter und Hauswirte, den jährlichen Beiträge der Domänen Kaltenhof und Oertzenhof sowie den jährlichen Beiträgen der Kätner und dem Schulgeld, welches die Büdner, Handwerker und Einlieger für ihre Kinder zu entrichten hatten. Mit dem Erlass der ,,Schul-Ordnung für die Insel Poel vom 10. Juli 1873“  verloren die bisher geltenden Schul-Regulative von 1836 und 1854, wie auch das Regualtiv über die Industrieschulen von 1871 ihre Gültigkeit. Alle Ortschaften bildeten weiterhin in Bezug auf das Schulwesen eine unteilbare Gemeinde. Den Lehrern wurden nun aber nicht mehr als 80 Schüler zugewiesen. Auch diese Schulordnung regelte alle Bedingungen bis ins Detail, wie Gehälter der Lehrer, Größe der Dienstländereien der einzelnen Schulen, Wahl und Pflichen der Schulvorsteher usw.

Die Schul-Ordnung vom 10. Juli 1873 aus dem Archiv des Inselmuseums in Kirchdorf.

Folgende Organisten/Lehrer/Küster wirkten auf Poel (Auswahl) :

Johann Massdorp: bis 1698, Jürgen Hinrich Stange: eingesetzt 1699-1739. Johann Ulrich Stange: Sohn des vorigen, Küster u. Organist ab 1739-1765. Jochen Hinrich Stange: Sohn des vorigen, Küster und Organist 1765-1814. Christian Ludwig Pose: * Biestow 1779 als Sohn des dortigen Küsters Hans Peter Pose. Von 1812 bis 1814 war Christian Pose Küster zu Groß Methling, ab dem 24.07.1814 bis etwa 1851 Organist, Küster und Schullehrer zu Kirchdorf.Johann Heinrich Daniel Buch: der Lehrersohn stammte aus Bresegard und wurde November 1836 Erster Lehrer an der großen Schule in Kirchdorf, zuvor war er Lehrer in Groß Laasch. Er starb mit nur 25 Jahren nach achtmonatiger Tätigkeit an Schwindsucht. Friederich David Gottlieb Knebusch: Er war in den Jahren 1837 bis 1839 Lehrer zu Einhusen und wurde später Küster in Ritzerow. Ferdinand Hinrich Eckhardt Kehrhahn: stammte aus Hohen Viecheln und wurde um 1838 Schullehrer zu Kirchdorf, verzog jedoch schon 1840 nach Dreveskirchen.Carl Koth: Er stammte aus Groß Walmstorf und wurde 1838 Lehrer zu Kirchdorf. Er heiratete im selben Jahr in die Familie Hellmann ein und verzog bald darauf mit seiner Frau nach Heidekaten, wo er ebenfalls als Lehrer arbeitete. Johann Joachim Heinrich Drögmöller: Der aus Scharliß bei Zarrentin stammende Drögmöller ,,…hat eine Reihe von Jahren die Gärtnerkunst betrieben, ist aus Liebe zum Schulamt im J. 1838 ins Seminar zu Ludwigslust eingetreten und seit 1840 Lehrer an der Schule zu Vorwangern.“ Nach Zeugnis des Predigers „…steht er vielleicht den anderen Pölschen Lehrern an Kenntnissen nach … doch ersetzt er das fehlende durch frommen Sinn und gewissenhaften Fleiß” .Hans Joachim Kruse, Schullehrer u. Organist: Hans Joachim Kruse wurde von 1837-39 im Seminar zu Ludwigslust zum Schulamt ausgebildet. Danach war er Assistent zu Gadebusch und wurde Ostern 1842 erster Lehrer zu Kirchdorf. Nach Zeugnis des damaligen Pastors „…fehlt es ihm nicht an Kenntnissen und Lehrgaben, in letzterer Zeit ist auch sein Fleiß und Eifer in besserem Zustande, aber er hat die Herzen seiner Schulkinder nicht, weil diese sein Herz nicht haben. Es herrrscht in seiner Schule ein Geist kalter Strenge und Gesetzlichkeit und auf seiner ganzen Wirksamkeit … kein rechter Segen und Erfolg.“ Peter Pierstorf: Als einer der wenigen von Poel stammenden Lehrer wurde Peter Pierstorf am 11.09.1825 in Malchow als Sohn des dortigen Schulzen Hans Pierstorf geboren. Im Seminar zu Ludwigslust wurde er von 1848-50 zum Lehrer ausgebildet und trat danach die Stelle des dritten Lehrers an der großen Schule in Kirchdorf an. Nach einer Einschätzung des damaligen Pastors ,,..hat er kein umfangreiches Wissen und ist auch kein ausgezeichneter Kopf, aber aufgrund seines Glaubens einen lebendigen Eifer für seinen Beruf und eine entschiedene Begabung für die Unterrichtung und die Erziehung der kleinen Kinder, in seinr Klasse herrscht Liebe, Aufmerksamkeit und Ordnung“. Pierstorf wird nach 1853 Lehrer in Krusenhagen. August Hellberg: Schullehrer und Organist: Geboren wurde Hellberg am 10.01.1822 in Groß Woltersdorf bei Grevesmühlen. Im Seminar zu Ludwigslust wurde er von 1844-46 zum Lehrer ausgebildet und wurde danach zweiter Lehrer an der großen Schule in Kirchdorf; ab Michaelis 1850 auch Küster u. Organist. Laut Zeugnis des damaligen Pastors war er: ,,…ein gut durchgebildeter und in methodisch…tüchtiger und fleißiger Lehrer. In seiner Klasse steht er gut.“ August Hellberg starb 1861 mit nur 39 Jahren. Verheiratet war Hellberg mit der aus Alt Jassewitz stammenden Zimmermannstochter Catharina Oldenburg, die ihn als Witwe mehr als 30 Jahre überlebte. Karl Handmann: 1862-92 Schullehrer, Organist und Küster zu Kirchdorf. Der Sohn eines Lehrers wurde 1829 in Neu-Rachow geboren. Lehrer in Kirchdorf war er seit mindestens 1862, die Küsterstelle übernahm er ab 1882 und die Funktion eines Standesbeamten ab 1886. Zudem war er seit 1871 als Postagent tätig. Carl Evermann: Er stammte aus Ludwigslust und war mit der Prosekener Organistentochter Emma Krüger verheiratet. Er wirkte von 1870-1916 als Lehrer in Kirchdorf. Seine Ruhestand verbrachte Evermann in Wismar, wo er 1922 auch starb. Hermann August Paul Büsch: Der am 30.06.1851 in Hagenow geborene Sohn eines Schmiede-meisters erhielt seine Ausbildung am Lehrerseminar Neukloster und war danach Stadtschullehrer in Rehna und ab 1893 bis mindestens 1914 erster Lehrer an der Küsterschule in Kirchdorf. Sein Wirken als Organist ist für das Jahr 1909 belegt. Mit seiner Frau Anna Luise Kathrine Elisabeth, geb. Burmeister (* Rehna 08.08.1856, ∞ ebd. 17.09.1880 ) hatte Büsch zwei Kinder. Gottlieb Krohn: Der Schulzensohn aus Jülchendorf war vor seiner Poeler Zeit Stadtschullehrer in Warin, von 1884 bis etwa 1913/14 Lehrer in Wangern und anschließend Lehrer in Kirchdorf. Otto Hensan: Der aus Neukloster stammende Sohn eines Drechslermeisters wurde 1884 Lehrer an der neuen Schule (,,Schildt-Schule”) in Kirchdorf. Seine Ausbildung hatte er zuvor am Lehrerseminar seiner Heimatstadt erhalten.

Lehrer Otto Hensan

Lehrer Carl Handmann

Fotos Hensan, Handmann u. Krohn: Inselmuseum Kirchdorf

Lehrer Gottlieb Krohn

Hauslehrer August Boitin

Die Kinder der großen Hofbesitzer besuchten i.d.R. nicht die Dorfschulen, sondern wurden durch Haus- und Privatlehrer unterrichtet. Namentlich bekannt sind die Hauslehrer: Wilhelm Wiencke (belegt 1856 in Wangern), Johann Voigt (Wangern), Carl Jentzen (belegt 1857 in Oertzenhof), ... Dreves (belegt 1859 in Vorwerk), August Boitin (belegt 1862 als Hauslehrer bei Hofbesitzer Calsow in Timmendorf), Hermann Hartig (belegt 1860 in Timmendorf), Dr. Julius Wöniger (Kirchdorf). Julius Ludwig Pedro Wilhelm Carl Heinrich Theodor Woeniger wurde am 11.3.1824 in Roggendorf als Sohn des dortigen Pastors Wilhelm Martin Gabriel Wöniger geboren, besuchte bis zur Oberprima das Schweriner Gymnasium, war dann am Berliner Gymnasium und studierte später mehrere Jahre Architektur ("Baufach") und Philosophie. Er war 1849 unter Leitung von Hofbaurat Demmler als Bauconducteur beim Bau des Neustädtischen Palais und des Schweriner Schlosses beschäftigt, verunglückte, wechselte in das "Schulfach" und promovirte. Er war mehrere Jahre Hauslehrer. Auf Poel, wo er sich mit Luise Steinhagen (Tochter des Gehöftsbesitzers Hans Steinhagen zu Neuhof) verheiratete, gründete er in Kirchdorf eine Privatschule und war 1860 Dirigent einer Schule auf Poel. Später wohnte er in Schwerin. In den Schweriner Wohnungsanzeigern taucht sein Name erstmals 1869 auf. Dr. Julius Woeniger starb am 18.1.1882 in Schwerin.

Das Poeler Schulwesen im Überblick:
 

1806

Bau der Schule I in Kirchdorf, der sog. Küsterschule, später auch ,,Falck”-Schule genannt.

1836

Bau der Schule in Wangern und der Schule II in Kirchdorf, der sog. ,,Sigglow”-Schule (heute Sitz der Poeler Kurverwaltung).

1883

Bau der Schule III in Kirchdorf, der sog. ,,Schildt”-Schule.

1918

Trennung von Schule und Kirche; in Wismar wird ein Schulrat eingesetzt.

1945

bis 1945 hatten die drei Kirchdorfer Schulen zusammen sechs, die Schule in Wangern zwei Klassenräume.Von Mai bis Oktober 1945 war der Schulunterricht eingestellt, in Schule II wurde eine Seuchenstation eingerichtet. Die Schulen I und III dienten als Flüchtlingslager. Im Oktober 1945 wurde der Schulunterricht unter schwierigen Bedingungen wieder aufgenommen. Es gab kaum Lehr- und Lernmittel. Für 600 Schüler gab es nur drei Lehrer! In den kalten Monaten musste jeder Schüler ein Stück Torf oder Brikett zum Heizen mit in die Schule bringen.

1947

wurde der Schichtunterricht eingeführt.

1950

erfolgt die Aufhebung des Schichtunterrichts, Kirchdorf wird Zentralschule.

1954

Bau des Schulpavillons in Kirchdorf

1955

in Schule I wird ein Hort eingerichtet.

1956

Kirchdorf wird Mittelschule.

1957

in Schule I wird eine Schulküche eingerichtet.

1958

Bildung der Polytechnischen Oberschule mit 10 Klassen.

1959

Bau der Turnhalle in Kirchdorf.

1964

gab es in Kirchdorf, Oertzenhof und Wangern zusammen sechs Schulgebäude für insgesamt 500 Schüler.

1972

wird die Schule in Wangern aufgelöst und seither als Wohnhaus genutzt.

1975

Übergabe des neuen Schulgebäudes in Kirchdorf als zehnklassige Polytechnische Oberschule mit Namen: „Wilhelm-Pieck-Oberschule“. Im gleichen Jahr wird Schule I Heimatmuseum (heute Inselmuseum)

1991

ist die Kirchdorfer Schule Realschule mit Haupt- und Grundschulteil.

2006

Bezeichnung seit August 2006: Regionale Schule mit Grundschule Insel Poel: ”Prof. Dr.h.c. Dr.h.c. Hans Lembke“

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Essen1

Eine sicher nicht uninteressante Frage ist: Was aßen und tranken unsere Poeler Vorfahren? Denn die Eß- und Trink-gewohnheiten sagen auch immer etwas über die damalige Lebensqualität aus. Wirklich aussagekräftige Quellen zu dieser Thematik konnte ich für Poel bisher nicht finden. Die Bedingungen aus anderen Gegenden in Mecklenburg lassen sich aber größtenteils und bedenkenlos auch auf Poel übertragen.

Zunächst: eine typisch mecklenburgische Küche gab es in der Vergangenheit nicht, eher eine ländlich-nord-deutsche Küche mit ggf. regional ausgeprägten Besonderheiten.

Im Gegensatz zu heute, wo nahezu alle Lebensmittel jederzeit verfügbar sind, war die Ernährungssituation in frühreren Zeiten stark saisonal und regional abhängig. War der Fleischkonsum im Mittelalter noch recht hoch, war die Kost der Menschen in der Neuzeit eher von pflanzlichen Produkten geprägt. Wichtige Lebensmittel bis etwa 1800 waren Getreide wie Gerste und Roggen, Hülsenfrüchte wie gelbe Erbsen und Bohnen, sowie Kohl. Grundbestandteil jeder Mahlzeit war zum einen Brot - ein dunkles, schweres Roggenvollkornbrot, das zunächst immer für mehrere Tage in eigens hierfür errichteten Backhäusern vorgebacken wurde. Solche Backhäuser befanden sich auf jedem größeren Hof. Später kam der Beruf des Bäckers auf. Schon 1794 wird in Kirchdorf ein Bäcker namens Friederich Berner erwähnt, obwohl das selbst backen noch lange beibehalten wurde. Zum anderen spielte Gersten- oder Hafergrütze eine wichtige Rolle in der täglichen Ernährung. Daneben noch Pökel- und Räucherfleisch. Zudem war auf Poel natürlich Fisch ein wichtiges Lebensmittel. Die Morgenmahlzeit war zumeist eine Mehl-, Milch-, oder Graupensuppe mit etwas Brot. Zu den Mittagsmahlzeiten waren es Eintöpfe auf Kohl- oder Hülsenfruchtbasis mit mehr oder weniger reichhaltiger Fleischeinlage. Erbsen spielten hier vor der Einführung der Kartoffel eine bedeutende Rolle. Die Mittagsmahlzeiten wurden für die halbe Woche im Kessel über dem noch offenen Herdfeuer vorgekocht und mussten dann nur noch aufgewärmt werden. Die Mahlzeiten auf den Bauernhöfen wurden vom Bauern, seiner Frau und den Kindern gemeinsam mit dem auf dem Hof beschäftigten Gesinde eingenommen, wobei es eine vorgeschriebene Sitzordnung gab. Oft kam dasselbe, vorgekochte Gericht mehrmals täglich auf den Tisch. Männer und Frauen nahmen ihre Mahlzeiten noch getrennt ein. Für Abwechslung sorgten, je nach Jahreszeit noch Obst, Beeren (auch zu Mus gekocht) und Nüsse.

Insgesamt betrachtet stellt sich die Küche der damaligen Zeit kalorienreich, nahrhaft und rustikal und je nach sozialem Stand der Menschen auch karg und sehr einseitig dar.

Eine bedeutende Veränderung erfuhr die damalige Ernährung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Kartoffelanbau sich in Mecklenburg langsam durchsetzte. Die Kartoffel ersetzte schnell Erbsen und Getreide als Grundnahrungsmittel.

Früher waren die Menschen Selbstversorger. Jeder Bauer, Kätner und Büdner hatte seinen mehr oder weniger großen Garten am Haus, in dem das für die Ernährung der Familie wichtige Gemüse angebaut wurde. Auch Obstbäume fanden sich in jedem Bauerngarten. In der warmen Jahreszeit mussten Vorräte für den Winter angelegt werden wie auch Saat- und Pflanzgut für das kommende Frühjahr. Übliche Konservierungsmethoden waren Trocknen, Säuern und Räuchern. Gut lagerbare Lebensmittel waren Getreide und Hülsenfrüchte wie auch der für Poel lange Zeit so berühmte Weißkohl, der als Sauerkraut ein wichtiger Vitaminlieferant in der kalten Jahreszeit war. Auch Dörrobst spielte eine wichtige Rolle in der Ernährung. Äpfel wurden im Keller eingelagert, Zwiebeln in Zöpfen an trockenen Orten aufgehängt und dienten ebenso bis zur nächsten Ernte als Frischobst bzw. -gemüse.

In den kalten Wintermonaten wurden die Hausschlachtungen durchgeführt. Es wurde alles verwertet, was das Schlachtvieh hergab. Das Blut wurde für die Wurstherstellung verwendet oder als “Swattsuer” (Schwarzsauer), eine Art Blutsuppe gegessen. Die Därme wurden ausgewaschen und ebenfalls für die Wurstherstellung benutzt. Talg und Flomen wurden zu Schmalz und in großen Kesseln wurde Wurst gebrüht. Später, mit Verbesserung der Konservierungsmethoden wurden Blut- und Leberwurst auch in Gläsern “eingeweckt”. Würste und Schinken wurden in Räucherkammern über Wochen kalt geräuchert und so haltbar gemacht. Solche Schlachttage wurden oft mit Nachbarn und Freunden durchgeführt und hatten durchaus Fest-Charakter.

Getrunken wurde in frühen Zeiten meist ein dünnes, selbstgebrautes Bier. Das Wasser hatte damals längst nicht die Qualität wie heutiges Trinkwasser. Auch Branntwein wurde vielgetrunken - manchmal auch zuviel. Damals nicht anders als heute...

Mit dem Einzug der Moderne änderten sich auch die Eß- und Trinkgewohnheiten. Auf den neu errichteten Höfen wurden Leuteküchen für das Gesinde eingerichtet und die Mitglieder der Hofbesitzerfamilie blieb bei den Mahlzeiten unter sich. Früher teure Lebensmittel wurden erschwinglich und andere, zuvor unbekannte kamen hinzu. So fanden sich bald auch in einfachen Haushalten Zucker, Reis, Kakao, Tee und Kaffee aus dem örtlichen Kolonialwaren-Geschäft. Brot wurde nicht mehr selbst gebacken, sondern beim Bäcker gekauft und Sonntags leistete man sich ein Stück Kuchen. Die offenen Herdfeuer waren längst “modernen” Küchenherden gewichen, die nun vielfältige Arten der Zubereitung zuließen. Auch neue Formen der Konservierung kamen hinzu. So wurde Obst und Gemüse in Gläsern “eingeweckt” und auch die Konservendose wurde zunehmend genutzt.

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Medizin1

Eine medizinische Versorgung, wie man sie heute als selbstverständlich ansieht, gab es in früheren Zeiten auf Poel nicht. Man behalf sich mit dem weitergegebenen Wissen der Altvorderen; zumeist waren es die Hebammen, die über eine gewisse Erfahrung verfügten. Für die “gröberen” Angelegenheiten gab es ab den 1830er Jahren Amts-Chirurgen bzw. Amts-Wundärzte. Diese waren noch lange nicht vergleichbar mit den modernen Ärzten der späteren Zeit. Heute kaum noch bekannte Krankheiten traten oft endemisch auf und der Tod hielt reiche Ernte: 1792 die Pocken (25 Tote), 1795 die Frieseln (50 Tote), 1808 die Blattern (16 Tote), 1811 die rote Ruhr (30 Tote) oder 1850 die Cholera (17 Tote). Selbst heute so harmlos anmutende Krankheiten wie die Masern forderten Menschenleben (1861 - 12 Tote). Krankheitserreger waren unbekannt, genauso wie Impfstoffe oder moderne Vorstellungen von Hygiene. Gefördert wurden Infektionskrankheiten insbesondere unter der armen Bevölkerung und deren Lebens- und beengten Wohnbedingungen. Gesunde lebten hier oft mit Kranken auf engstem Raum. Schnell konnte es da in kurzer Zeit eine ganze Familie dahinraffen, wie das Beispiel des Kaltenhöfer Strandreiters Peter Friedrich Hildebrandt zeigt: Im Jahr 1868 starben innerhalb weniger Wochen sechs seiner neun Kinder an Nervenfieber. Die ganze Tragödie erlebte er selbst nicht mehr, denn auch er starb kurz nach dem Tod seines ersten Kindes an dieser Krankheit. Überhaupt war die Kindersterblichkeit sehr hoch und manche Mutter, die im Laufe ihres Lebens zehn, zwölf oder mehr Kindern das Leben schenkte, sah vielleicht nur zwei oder drei aufwachsen - vorausgesetzt, sie starb nicht selbst zuvor im Kindbett. Exemplarisch ist ein Fall aus dem Jahr 1832, als Maria Margreta, die Frau des Niendorfer Hausmanns Christian Beyer neun Tage nach der Geburt im Wochenbett starb. Nur wenige Tage darauf starb auch ihr Neugeborenes. Im Kirchenbuch ist zum Tod des Säuglings vermerkt: ,,schlechte Nahrung, da die Mutter bald nach der Entbindung starb”. Auch eine einseitige und mangelhafte Ernährung oder der übermäßige Branntweingenuß spielte oft genug dem Tod in die Hände: Am 09.06.1835 wird Jochen Christian Behm begraben. Im Kirchenbuch heißt es: ,,war dem Trunke sehr ergeben und ward in diesem Zustande in Wangern hinter einer Scheune todt gefunden”.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es gar keinen Arzt auf der Insel. War ein Arzt nötig, so musste er aus Wismar herbeigeholt werden, was nicht immer einfach und oft genug nicht rechtzeitig geschah. So findet sich hierzu ebenfalls ein tragischer Fall in den Kirchenbüchern: Am 28.12.1812 stirbt die erst 26jährige Frau des Malchower Knechts Nicolas Peter Prien während der Geburt ihres zweiten Kindes: ,,Konnte nicht entbunden werden und starb, ehe Hülfe aus Wismar kam.” Eher amüsant mutet dagegen eine Geschichte an, die der Wismarer Gustav Willgeroth in einem Buch wiedergibt:

Es war in einer bitterkalten Winternacht, als Mutter Evers aus Vorwerk den Dr. Friedrich Goetze aus Wismar zur Hilfeleistung in ihrer schweren Stunde rufen ließ. Der hatte es nicht leicht: die alte Poeler Brücke war wieder einmal durch Eisgang zerstört, und so mußte er von Eisscholle zu Eisscholle springend das jenseitige Ufer erkämpfen. Total durchgefroren langt er in Vorwerk an, geht schnurstraks in das Schlafzimmer der Töchter, tritt an das Bett der ältesten, die ihn erschrocken anstarrt, und ruft ihr zu: ,,Man fix rut mien Diern, un lat mi hier liggen! Ick möt mi ierst upwarmen, ihr ick mi mit Mudder befaten kann!"

Die Situation änderte sich erst Ende des 19. Jahrhunderts. Die Ansiedlung eines Arztes auf Dauer wurde von der Gemende verfolgt, scheiterte jedoch zunächst immer wieder am mangelnden Wohn- und Praxisräumen. Die ersten Poeler Ärzte praktizierten daher auch nur kurz auf Poel. Eine nachhaltige Verbesserung dieser Situation ergab sich erst, als der Oertzenhofer Pächter Heinrich Vieth die “Andreas Vieth´sche Stiftung” gründete, sich in Wismar zur Ruhe setzte und sein ehemaliges Wohnhaus dieser Stiftung vermachte. Dieses Wohnhaus diente daraufhin stiftungsgemäß als Wohn- und Praxisgebäude für einen dauerhaft niedergelassenen Arzt.

Folgende Ärzte wirkten bisher auf Poel:

1836-1854

Carl Friedrich Henckel

Amts-Chirurgus, zuvor Wundarzt in Rönnebeck (heute Ortsteil von Bremen)

1857-1864

Friedrich Büsch

Amtswundarzt

1864-1882

Dr. Ziemsen

Armenarzt

ab Ende 1882

Dr. Hugo Unruh

ab Ende 1882, stammte aus Hagenow, später Leiter des Krankenhauses am Dahlberg in Wismar

1894-1895

Dr. August Wendt

stammte aus Ludwigslust, verzog nach 1895 nach Obermockstadt in Hessen, Arzt ebd.

1995-1997

Dr. Lukas Weise

Geb. in Woistenthin bei Gülzow in Pommern, Sohn v. Pastor Alexander Weise, zuvor Arzt in Redefin, verzog 1897 nach Wittenberge, Arzt ebd.

1897-1899

Dr. Heinrich Hofius

Aus Meiderich, Rheinprovinz, zuvor Arzt in Meiderich, verzog 1899 nach Hochheide, Rheinprovinz

1900-1903

Dr. Paul Wiesenberg

Aus Hohenstein in Ostpreußen, verzog 1903 nach Kalkofen, Insel Wollin

1903-1909

Dr. Paul Marcks (Marx)

Erster im Haus der Vieth´schen Stiftung ansässiger Arzt auf Poel. Aus Demmin in Pommern, zuvor Militärarzt in Frankfurt/Main, Marburg, Barmen Dortmund u. Gelsenkirchen. Verzog 1909 nach Bublitz/Pommern. 1928 Kreis-Medizinalrat in Gladbeck.

1909-1914

Dr. Gustav Plagemann

 

1915-1918

Dr. Walter Kuithan

 

1918-1941

Dr. Rudolf Spiegelberg

Stammte aus Berlin, zuvor Assistenzarzt am Stadtkrankenhaus Meissen.

1941-1943

Dr.Taros

stammte aus dem Baltikum

1944-1949

Dr. Ingeborg Rüther

 

1949

Dr. Karl Hoch

zuvor Assistenzarzt in Wismar, nach 1949 Arzt zu Rerik u. Doberan

1949-1954

Dr. Hartwig Hurtzig

 

1954-1972

Dr. Diether Blass

stammte aus Nordhausen (Harz)

ab 1972

SR Ernst Dörffel

 

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Recht1

Die besondere Stellung der Poeler Bauern im Vergleich zum restlichen Mecklenburg sei an dieser Stelle kurz erwähnt: Die Bauern der sog. Lübischen Dörfer standen zwar unter der Lehnshoheit des mecklenburgischen Herzogs, hatten aber ansonsten eine eigene Verwaltung, der ein Oberschulze vorstand. Auch unterstanden sie der Gerichtsbarkeit des Lübecker Vogteigerichtes. Die Bauern waren Eigentümer ihrer Höfe, leisteten keine Hofdienste und waren freie Leute. Ihre Rechte blieben 500 Jahre, bis zum Beginn des 19. Jhdts. unverändert. Die Bauern des 1648 an Schweden abgetretenen Teils der Insel waren in den ersten Jahrzehnten nach dem 30jährigen Krieg mehr oder weniger sich selbst überlassen. Schweden interessierte sich offenbar wenig für seine mecklenburgische Neuerwerbung; die eingesetzten Amtmänner wechselten häufig und auch sonst konnte man kaum von einer wirklichen Verwaltung und Obrigkeit reden. Die Bauern legten sich die durch Kriegswirren wüst gewordenen Höfe zu und vergrößerten so ihre Höfe erheblich. Auch gab es, bedingt durch den Abtritt der Insel an Schweden keine Leibeigenschaft, wie sie im Rest Mecklenburgs eingeführt wurde. Dadurch entstand ein Gewohnheitsrecht, nachdem sie als freie Eigentümer ihre Höfe galten. Diese ganzen Umstände verschafften den Poeler Bauern bessere Lebensbedingungen als auf dem Festland. Im Jahr 1803 trat das Heilig-Geist-Hospital Lübeck nach Beschluß des Reichsdeputationsausschuss in Regensburg seine Poeler Besitzungen Wangern, Seedorf, Weitendorf und Brandenhusen an den mecklenburgischen Herzog ab. Trotz Zusicherung des Herzogs, die alten Rechte der Lübischen Bauern unangetastet zu lassen, wurde schnell versucht, die Poeler Verhältnisse denen auf dem Festland anzupassen, was erhebliche Nachteile für die Bauern bedeutet hätte. Die Bauern, ihnen voran der Oberschulze der Lübischen Dörfer, Hans Jacob Steinhagen aus Neuhof prozessierten daraufhin jahrzehntelang. Erst im Jahr 1877 endeten die Verhandlungen mit der Anerkennung der Lübischen Bauern als freie Hofeigentümer. Ähnlich erging es den Bauern des schwedischen Teils der Insel, die ebenfalls 1803 durch den Malmöer Pfandvertrag zurück an Mecklenburg kamen. Ihre Streitigkeiten mit der Obrigkeit endeten schon 1830 mit der Vererbpachtung der Höfe.

Das Erbrecht spielte eine wichtige Rolle für die Überlebensfähigkeit eines Hofes. Auf Poel galt - wie auch anderswo - das Anerbenrecht: Das Anerbenrecht sorgte dafür, dass die Hofstellen unteilbar und in ihrer Gänze erhalten blieben. Der älteste Sohn erbte so i. d. R. den väterlichen Hof und trat das Erbe normalerweise mit seiner Eheschließung an. War der älteste Sohn körperlich oder geistig nicht in der Lage, das Erbe anzutreten, erbte der nächstjüngere Sohn den Hof. Waren keine Söhne vorhanden, so erbte die älteste Tochter den Hof. Die übrigen Kinder des Erblassers. d. h. die Geschwister des Hoferben hatten das Recht auf eine Abfindung. So hatte ein jeder Sohn des Erblassers das Recht auf eine “freie Hochzeit” oder eine “halbe freie Hochzeit” , ein Pferd, ein gewisses Kontingent an Kleidung und eine bestimmte Summe an Bargeld. Für die Töchter galten ähnliche Regelungen. Über allem wachte das Amtsgericht, um zu gewährleisten, dass der Hof nicht durch zu hohe Abfindungsleistungen in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Starb der Hofbesitzer und der künftige Erbe war noch minderjährig, führte den Hof meist ein Interimswirt bis zur Volljährigkeit des Erben. Der Interimswirt war meist der zweite Ehemann der Hofbesitzerwitwe. Er hatte i. d. R. keinen Rechtsanspruch auf den Hof, hatte aber wie seine Kinder, die er mit der verwitweten Frau seines Vorgängers hatte, Anspruch auf eine Abfindung bei Übergabe des Hofes an den Erben. War die Ehe oder die Ehen eines Hofbesitzers kinderlos, erbten die nächsten Angehörigen den Hof. Hier hatten die männlichen Geschwister des Hofbesitzers Vorrang vor den weiblichen. Durch das Anerbenrecht wurden die Höfe teilweise über Jahrhunderte in der Familie weitervererbt. So ist z. B. der Lembke´sche Hof in Malchow (heute NPZ Malchow) nachweisbar seit mindestens 1519 (mit Unterbrechung von 1945-1992) und heute in der 15. Generation in Familienbesitz. Auch der Steinhagen´sche Hof in Wangern war von ca. 1710 bis zur Enteignung 1945 über mehr als 230 Jahre und zehn Generationen in Besitz der Familie - das Gutshaus (heute Gutspark Wangern) ist durch Rückkauf 1994 wieder in Besitz der Familie. Von ca.1698 bis zum Verkauf 1912 war der Hof Weitendorf über sieben Generationen in Besitz der Familie Wegener.

Hatte der Hofbesitzer den Hof an seinen Erben übergeben, zog er sich mit seiner Frau auf das Altenteil zurück.Dies war ein eigener Katen auf der Hofstelle mit einer bestimmten Fläche an Acker- und Gartenland. Hinzu kam ein bescheidener Viehbestand. Zudem erhielt der Altenteiler noch vertraglich zugesicherte Leistungen wie das bestellen des Altenteiler-Ackers und Lieferungen wie Brennholz und Lebensmittel.

Ob Interimswirtregelungen oder Altenteilerleistungen, Abfindungen im Erbfall oder andere rechtlich relevanten Handlungen: für alles wurden Kontrakte, also Verträge aufgesetzt, die in früheren Zeiten noch ohne Notar und Rechtsbeistand abgeschlossen wurden. Zumeist berieten die alten und erfahrenen Nachbarn und Freunde die Vertragspartner und das Ehrenwort der Vertragsparteien, die Verträge einzuhalten galt als ausreichend.

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Sitten

Inhalte folgen in Kürze

Weiterführende Literatur zu obigen Themen finden Sie in der Bücherecke. Außerdem sehr empfehlenswert:

Ulrich Bentzien, Siegfried Neumann (Hrsg.): Mecklenburgische Volkskunde, VEB Hinstorff-Verlag Rostock 1988, ISBN 3-356-00173-6

Heike Müns: Von Brautkrone bis Erntekranz - Jahres- und Lebensbräuche in Mecklenburg-Vorpommern, Hinstorff-Verlag Rostock 2002, ISBN 3-356-00913-3

 

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